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Das Lächeln

Kübra Gümüsay

Das Lächeln

Minutennovellen


„Und, wie ist es draußen?“, fragte sie ihren Mann, der vom Einkauf nach Hause kam. Man hatte sich Zuhause darauf geeinigt, dass er die Einkäufe erledigt. Er zuckte die Schultern, wirkte nachdenklich, gedankenversunken. So war es immer mit ihm, sie musste präzise Fragen stellen, um überhaupt Antworten zu bekommen. „Also sind die Regale leer?“, fragte sie deshalb, bemüht um Geduld. „Nur die Nudel-Regale und der Frischgemüse-Stand waren leer. Sonst gab es von allem eigentlich genug.“ In einer Whatsapp-Gruppe hatten ihre Freundinnen Bilder von leergefegten Regalen geteilt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet bei ihnen im Supermarkt so wenig anders war. So viel Normalität, so wenig Panik, das machte sie misstrauisch. „Und wie verhalten sich die Menschen? Sind überhaupt viele unterwegs?“ „Hm. Es waren schon einige unterwegs - aber natürlich viel weniger als sonst“, antwortete er und ging dabei ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Sie trug entnervt von seiner Wortkargheit kaum merklich für ihn, aber doch deutlich stampfend und mürrisch die Einkaufstaschen in die Küche und wusch jede einzelne Dose, die er gekauft hatte. Ihre Hände umhüllt in Latex-Handschuhen. War ihre Neugier überzogen? Ihre Freundinnen mal wieder überdreht? Oder ihr Mann einfach nicht in der Lage, die Welt um sich herum aufzunehmen, wahrzunehmen? Sie hatte heute beobachtet wie ein Mann auf der Straße sein Kind angeschrien hatte, als es auf ein anderes Kind zuging. „Abstand halten!“, hatte er gerufen und am Arm des Kindes gezerrt. So laut, dass selbst sie sich im 3. Stock am Fenster stehend erschrocken hatte.

Nun stand an der Küchentür und starrte nachdenklich in die Luft. "Ach keine Ahnung, es ist merkwürdig, Schatz. Es herrscht eine merkwürdige Stimmung.“ Endlich läuft sein Motor, dachte sie. Und die Eindrücke verließen als Worte seinen Kopf. "Heute hat ein Mann eine Plastikfolie um den Griff des Einkaufswagens gewickelt, um ihn nicht zu berühren. Und an der Kasse hält man nun Abstand. Die Kassiererin, sie tut mir Leid. Wenn jemand etwas abkriegt, dann sie. Und beim Bäcker stehen die Menschen draußen Schlange, nicht drinnen“, sagte er und zeigte mit ausgestreckten Armen wie groß der Abstand zwischen den einzelnen Wartenden war. „So weit stehen sie auseinander.“ Er schüttelte den Kopf. Im Gegensatz zu ihr machten ihn diese Veränderungen misstrauisch, nicht die Normalität. Eine Normalität, die sie wiederum irre zu machen drohte. Aber im Gegensatz zu ihr verbrachte er auch nicht seit Tagen Stunden vor viereckigen Fenstern - an ihrem Handy einerseits und am Fenster zur Straße andererseits. Stundenlang scrollte sie durch Timelines, durch Nachrichten, durch Whatsapp-Gruppen und Instagram-Feeds und sah Menschen dabei zu, wie sie aufgebracht die Situation da draußen analysierten, Menschen anflehten, das Haus nicht zu verlassen - niemand schrie, aber so im Kollektiv betrachtet fühlte es sich so an als würden alle gemeinsam brüllen. Draußen vom Fenster aus sah sie den Menschen dabei zu, wie sie weniger wurden. Gestern Abend aber hatte sie eine Frau auf der Straße gesehen, geschminkt, frisiert, schick eingekleidet und mit Geschenktüte in der Hand. Offensichtlich auf dem Weg zu einer Feier. Nur mit Mühe hatte sie sich davon abhalten können, das Fenster aufzureißen und ihre Wut, ihre Angst, ihre Panik hinauszuschimpfen, an dieser Frau zu entladen, die einfach so mit ihrem Leben weitermachte. Jetzt aber stand sie in der Küche, schaute ihren Mann an und entspannte beim Anblick seiner Anspannung.

Spät in der Nacht während er etwas unruhiger schlief als sonst und sie sich wie seit Tagen jeden Abend unentwegt hin und her drehte, die Augen noch blitzend vom langen Starren auf das kalte Licht ihres Bildschirms, hörte sie draußen ein Geschrei. Als sie ihre Augen öffnete, sah sie das pulsierende Blau, das ihre Wohnung durchflutete. Und bewegte sich näher, hin zum Fenster - dorthin wo das Blau immer greller wurde. Unten auf der Straße stand ein Krankenwagen. Auf der Trage, die gerade hineingeschoben wurde, lag ein Mann - mit Atmungsgerät im Gesicht. Eine Frau aus dem Nachbarhaus schrie immer wieder: „Du bist schuld! Du hast alle angesteckt!“

Als der Krankenwagen mit Blaulicht und Sirenen die Straße verließ, die Nachbarin verstummte, starrte sie aus dem Fenster und lächelte.


Kübra Gümüsay, geboren 1988 in Hamburg, ist Journalistin und politische Aktivistin, war Kolumnistin der tageszeitung und wurde für ihren Blog „Ein Fremdwörterbuch“ 2011 für den Grimme Online Award nominiert. 2020 erschien ihr Buch „Sprache und Sein“ im Hanser Verlag Berlin.


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