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Daniel Kehlmann: Blutregen über Berlin

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Im historischen Fach macht Daniel Kehlmann so leicht niemand etwas vor. Anders als früheren Geschichtserzählern ist es seinen Anverwandlungen der Vergangenheit weder um Verklärung noch um Didaktik zu tun. Was er seinen Stoffen injiziert, ist vielmehr eine Dosis fein abgemischter Ernüchterungskomik, die als Kontrastmittel dient, die armseligen Tröpfe hinter großen Namen und noch größeren Schnurrbärten sichtbar zu machen. Niemand außer vielleicht der »Tyll« seines gleichnamigen Eulenspiegel-Romans beherrscht die lakonische Kunst der komischen Banalisierung so virtuos wie er. 

So watschelt in seinem neuen Roman »Afrika« ein »Männchen, höchstens mittelgroß, Goldstickerei auf der Galauniform, Zweispitz auf dem wackelnden Kopf«, dem zu diesem Zeitpunkt wohl mächtigsten Mann Europas über den Weg. Im Winter 1884 hat Bismarck die Vertreter der wichtigsten Mächte nach Berlin geladen, um den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen. Das lächerliche Männchen ist der österreichische Legationsrat Strinetzky, der den musischen Botschafter der Donaumonarchie vertreten muss, weil dieser ein eigens von Franz Liszt für ihn komponiertes, seine pianistischen Fähigkeiten aber bei Weitem überforderndes Klavierstück einüben muss. 

Mindestens so lächerlich aber wie der von der Situation vollkommen überforderte österreichische Beamte, der jede lauernde Frage mit willkürlichen lateinischen Zitaten beantwortet, ist das, was der ordensbehängt dröhnende eiserne Kanzler glaubt, daraus schließen zu können: es mit einem ausgebufften Verhandlungsexperten zu tun haben, der seine zerstreute Unbedarftheit nur vortäuscht. Aber nicht mit Bismarck: »Egal, wie schlau du bist, Bismarck ist schlauer.«

Dabei hat der gegen seinen Willen in die kalte preußische Kapitale versetzte arme Strinetzky gerade ganz andere Probleme: ein für die kostspielige Unterhaltung seiner Geliebten veruntreutes Vermögen und eine damit unglücklich verbundene Duellforderung. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf, ein bisschen wie in einer österreichischen Operette: komische Typen, Bravourstücke des gehobenen Nonsens, Verwechslungen. Der Witz ist nur, dass es dabei in Wirklichkeit nichts zu lachen gibt. Denn die hier in absurden Konventionen und Ritualen vorgeführte zivilisierte Welt, die sich an Blackfacing-Darbietungen und Wildwestshows ergötzt, abstoßende Innereien spachtelt, tanzt auf einer Konferenz, die eines der barbarischsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte absegnet. 

In jenem unwirtlichen Winter geht in Berlin Sahara-Staub als Blutregen nieder. Unter herrenmenschen zynisch vorgetäuschten philanthropischen Motiven – heute nur allzu gern von rechtsdrehenden Geschichtsrevisionisten nachgebetet – schufen damals die europäischen Mächte unter Beteiligung der USA die Spielregeln, die es ihnen erlaubten, den Kontinent in Einflusssphären und Kolonien aufzuteilen und rücksichtslos auszuplündern. Bestialische Verbrechen, Massaker, Völkermorde kosteten viele Millionen Menschenleben. Die koloniale Schreckensherrschaft, die einst ein Autor wie Joseph Conrad aus der Perspektive des »Herzens der Finsternis« beschrieben hat, rückt hier nun aus der Perspektive eines morbiden Marionettentheaters in den Blick, als wäre das Böse nicht nur banal, sondern auch ein einziger großer Bluff, eine faule Trickbetrügerei am naiven Glauben an Vernunft und Humanität. 

Doch mit Tricks und Listen kennen sich bei Kehlmann nicht nur die Gestalten aus, die auf wechselnden historischen Bühnen ihre trügerischen Manöver vorführen, sondern auch der Spielleiter selbst. Es ist nicht immer leicht zu unterscheiden, ob die programmatische Unerschrockenheit gegenüber gewichtigen Stoffen der Auseinandersetzung oder der Erfolgsmasche effektvoller Travestie dient – und das Prädikat »besonders wertvoll« der Camouflage gefälliger Unterhaltung. 

Diese Ungewissheit kann einen selbstreflexiven Reiz entfalten, wo es um die Verstrickungen zwielichtiger Unterhaltungskünstler geht. In »Lichtspiel« hat Kehlmann zuletzt die Geschichte des Regisseurs G. W. Pabst und seines Pakts mit der nationalsozialistischen Filmindustrie erzählt. Nun also Kolonialismus. Der Teufel ist hier der belgische König Leopold II., ein vulgärer Widerling, der wüste Drohungen von sich gibt und langgezogene Fürze. Mit der Anerkennung des Kongo-Freistaats will er sich eine Privatkolonie sichern, in der Blut und Kautschuk fließen. Nur noch das Votum Österreichs fehlt. Da trifft es sich gut, dass der Verhandler Strinetzky gerade in Geldnöten steckt – man würde es heute wohl einen Deal nennen.

Doch da wäre noch das Duell. Mit Arthur Schnitzlers Novelle »Leutnant Gustl« hat es dieser Brauch in der österreichischen Literatur zu Ehren gebracht. In »Afrika« allerdings verstrickt sich die Romanhandlung in dieser Angelegenheit ähnlich unglücklich wie der arme Legationsrat in der Beleidigungskasuistik eines hypersensiblen preußischen Leutnants. Das private Drama findet aus dem Abzweig auf dem morgendlichen Dahlemer Feld nicht mehr zurück, ohne dass das lächerliche Männchen das Zeug zum tragischen Helden hätte. 

Und so verhallt ein Schuss zwischen Satyrspiel und Tragödie. Die bunten Schießbudenfiguren zerstieben in alle Richtungen, und man bleibt etwas ratlos und ernüchtert am Rand des finsteren Abgrunds der Geschichte zurück. 

Daniel Kehlmann: »Afrika«. Rowohlt Verlag. 256 Seiten, 24 Euro.