Lutz Seiler: Lesereise in den strahlenden Abgrund
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Der Stuttgarter Germanist Heinz Schlaffer hat in seinem Buch »Geistersprache« gezeigt, dass Gedichte von ihrem archaischen Ursprung her einmal dazu bestimmt waren, mit außermenschlichen Wesen in eine nutzbringende Verbindung zu treten. Insofern liegt es vielleicht gar nicht so fern, dass man im neuen Roman »Das tickende Herz« des Lyriker-Romanciers Lutz Seiler auf Freunde des Gedichts trifft, die die magischen Ressourcen der gebundenen Rede nutzen wollen, um die von menschlicher Zerstörungswut versehrte Muttererde zu heilen. »Die Menschheit ist ein toter Ast am Baum des Lebens« – diese Überzeugung teilen in dem Roman lyrische Aktivisten mit Schamanen, die an radioaktiv verseuchten Kraftorten in der kasachischen Steppe ihre eigenen Rituale der Heilung pflegen.
Doch bevor man sich in die Abgründe ökokritischer Esoterik hinabschießen lässt, welches ungewöhnliche Bild sich in der Laufrichtung der Handlung erklärt, hält man sich zunächst besser an die verwandte Bestimmung des Dichters als eines Schwellenkundigen: jemand, der zwischen zwei Sphären steht. Genau das nämlich charakterisiert auf eher profane Weise den Protagonisten Carl Bischoff. Man ist ihm schon einmal begegnet. In Seilers mit dem Leipziger Buchpreis prämierten Roman »Stern 111« kellnert er sich in einer Berliner Kellerkneipe durch die Periode zwischen Zerfall und Neubeginn der Wendezeit der frühen Neunzigerjahre. Einstürzende Altbauten, der Untergrund der Hausbesetzerszene und eine Stadt-Ziege namens Dodo bereiten den fruchtbaren Boden, auf dem der junge Mann zum Dichter reift.
Zehn Jahre später sind die Verheißungen des Aufbruchs verflogen. Seine Freundin hat sich von ihm getrennt, Dodo ist im Zoo gelandet, zur Beziehungskrise kommt die Schreibkrise. Allein sitzt Carl Bischoff, von Panikattacken gebeutelt, in einer Wohnung im falschen Stadtviertel, wo der gelernte Maurer sich mit Gelegenheitsjobs in seinem ursprünglichen Handwerk durchschlagen muss, um die überteuerte Gentrifizierungsmiete bezahlen zu können. »Die alte Welt war verschwunden, die neue musste erfunden werden, an jedem Morgen.«
Aus der alten Welt suchen ihn Träume heim, Szenen aus dem Erinnerungsstollen jenes Uranabbaugebiets in der ehemaligen DDR, unter dessen Abraumhalden das Heimatdorf von Lutz Seiler begraben liegt. In dem strahlenden thüringischen Boden, wo die Wismut einst das Material schürfte für die sowjetischen Atombomben, die in der kasachischen Steppe getestet wurden, findet auch der Dichter Carl Bischoff seinen Stoff. Ein Stückchen davon trägt er seit einem Sportunfall unter der Haut seiner Hand.
Nach der Berührung mit der aus einer kasachischen Schamanenfamilie stammenden Übersetzerin Aysha, die sich für seine Dichtung interessiert, beginnt es sich zu regen, besser gesagt zu strahlen. Wie der Titel schon andeutet, sind emotionale Verhältnisse hier weniger ein Fall für das Versmaß als für den Geigerzähler. Zwischen beiden funkt es, und schon bald erblüht über Carls Handteller ein Honeymoon. Auf Betreiben der bereits erwähnten Freunde des Gedichts unternimmt der liebeskontaminierte Dichter, von Kollegen »Atomino« genannt, eine Lesereise in Ayshas verstrahlte Heimat: »Das Erz hat Heimweh«, so finden Thüringen und Kasachstan im Zeichen des Urans zusammen.
Wer bei Lesereisen mild lächelt und an Goethe-Institut oder Kulturaustausch denkt, wird hier gründlich eines Besseren belehrt. Denn geleitet von der schamanistischen Übersetzerin führt der Weg pfeilgerade in die Unterwelt, ein Verlauf, den manche große Dichtung mit Mysterienkulten gemeinsam hat. Aber vielleicht sollte man an dieser Schwelle einen kurzen Halt einlegen. Denn je mehr Carl droht, von der Ausstrahlung dunkler tellurischer Kräfte hinabgezogen zu werden, desto klarer strömt durch den Roman das prosaische Licht des Tages. Faszinosum und Ernüchterung, Parodie und Verzauberung, Verführung und Widerstand gehen Hand in Hand.
In seiner Dankesrede für den Büchner-Preis hat Lutz Seiler ein Familienmitglied aus dem Uranabbaugebiet seiner Herkunft erwähnt, das von der Heilkraft und Magie der Strahlung so überzeugt war, dass es in seiner Drogerie radioaktive Zahncremes, Haartinkturen und Balsamica anbot. Auf ähnliche Weise setzen die Erdheilungsobskuranten des Romans der atomaren Bedrohung ein homöopathisches Rezept entgegen – was gut zu dem leicht schwäbischen Zungenschlag der Nomadentochter Aysha passt.
Irgendwann rauschen im fernen New York Flugzeuge in Hochhäuser. Der Epochenbruch von Nine Eleven bildet die Symmetrieachse einer Erzählung, die auf vielfältige Weise zeigt, wie Weltverbesserungslehren die Seite wechseln. Die Kommunistische Internationale, Komintern, kehrt in der »Schamintern« wieder, einem Kongress, in dem sich Schamanen und Heilpraktiker aus aller Welt zusammenfinden, um sich über ihre Methoden auszutauschen, bei denen einmal nicht Uran, sondern Urin eine wesentliche Rolle spielt. Das eben seinen Siegeszug antretende Internet mit seinem Versprechen eines »Weltalls der Demokratie« verwandelt Carls Freund Fränkie vom liebenswerten Piratensenderpartisan zum Schwurbler. Und die Katastrophe der islamistischen Terrorattacke auf das World Trade Center spiegelt sich in dem, was in der Antike Katabasis hieß – einer Unterweltreise, die für Carl ein böses Ende genommen hätte, wäre die Magie der Liebe am Ende nicht doch stärker als alle Opferrituale.
Wollte man aber den ganzen Zauber dieses Erzählens fassen, müsste man die vielfältigen Elemente, die das tickende Herz in Gang halten, vielleicht in der Art eines Periodensystems anordnen. Carl aber bleibt dort zurück, wo jeder gute Dichter hingehört – auf der Schwelle. Wo der emphatische Absolutheitsanspruch des „heiligen Gedichts“ auf die ironische Weltskepsis des Romans trifft und beides miteinander reagiert, wird eine literarische Energie frei, die man nicht anders, denn als Kraftfeld wahrnehmen kann.
Lutz Seiler: »Das tickende Herz«. Roman. Suhrkamp. 464 Seiten, 28 Euro.