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Valeria Gordeev: Reinigungsrituale für die Ewigkeit

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Bevor man die Geschichte dieses Romans im Ansatz aus einem fantastisch organisierten Chaos zusammenzubauen versucht, sollte man vielleicht vorausschicken, dass es eigentlich ganz egal ist, was in den Assoziationskreis der Darstellungskunst von Valeria Gordeev gerät – man kann nicht anders, als sich fasziniert fort- oder hinreißen zu lassen. Die einzige Voraussetzung wäre vielleicht, an wohlgebauten Sätzen keinen Anstoß zu nehmen, egal, wie lange sie sind und wie viele Parenthesen sie im Einzelnen anreichern.

Mit anderen Worten, was unter dem Titel »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle« in Erscheinung tritt, ist zunächst ein gewaltiges Sprachkunstwerk, dem man auch gebannt folgen würde, ginge es nur darum, die Anschlussfehler von Tierdokus über das brutale Paarungsverhalten von Eisbären vor Augen zu führen. Oder die Herausforderung des schlimmsten aller Straßenbeläge für Fahrradfahrer, letzteres noch unabhängig davon, dass es sich hier um das Kopfsteinpflaster des Roten Platzes in Moskau handelt – ganz zu schweigen von allem, was sich darunter befindet.

So ist es nicht weiter erstaunlich, dass die 1986 in Tübingen geborene Autorin, deren Eltern einst aus der damaligen Sowjetunion ausgewandert sind, vor drei Jahren für eine fulminante Putzszene in Klagenfurt mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde. Sie findet sich gegen Ende ihres Romans wieder. Konstantin, einer der Protagonisten, versucht darin durch porentiefe Reinigungsrituale und eine entsprechende Putzmittelpalette die Kontrolle über sein Leben zurückzugewinnen. Und die ist nicht nur ihm entglitten.

Seine jüngere Schwester Lada hält als Regisseurin experimenteller Filme der Mietervergrämung in einem Berliner Spekulationsobjekt stand, unter in jeder Hinsicht prekären Verhältnissen, die verständlich machen, warum man in der Stadt mit dem Thema Mieten gerade Wahlen gewinnt. Ihr klammer Kontostand zwingt sie zu dubiosen Botendiensten für den noch dubioseren steinreichen Patenonkel ihres Bruders. Ein ominöses Päckchen hat sie von Kyjiw, der Heimatstadt ihrer Großeltern mütterlicherseits, in einer sich dehnenden Busfahrt nach Berlin transportiert. Immerhin lernt sie dabei Mischa kennen, der sich als Proband gut bezahlter Medikamentenstudien durchschlägt, irgendein Wundermittel gegen alles Mögliche, unter anderem auch gegen das Altern.

Das wiederum ist das Steckenpferd jenes Onkels, der mit zweifelhaften Geschäften ein Unternehmensimperium aufgebaut hat. Neben einer Plattform für Privatkredite, die Schuldner und Gläubiger in 1:1-Beziehungen zusammenbringt, was zu einem hohen Anteil pornografischer Inhalte führt, zählen dazu auch vielfältige Aktivitäten rund um den boomenden Sektor der Lebensverlängerung, einschließlich fortgeschrittener Methoden der Post-Mortem-Konservierung.

Wo aber wüsste man auf diesem Gebiet besser Bescheid als in Moskau, wo in einem geheimen Komplex unter dem Roten Platz ein ganzer Stab von Wissenschaftlern mit dem Erhalt des im darüberliegenden Lenin-Mausoleums aufgebahrten Revolutionsführerleichnams befasst ist. Hier hat sich der mathematische hochbegabte, in sozialer Hinsicht eher eigenwillige Konstantin von seinem Paten einschleusen lassen, um diesem aus der Giftküche biochemischer Longevityverfahren Erkenntnisse und Präparate zukommen zu lassen.

Willkommen in der Schattenwelt einer alternativen Wirklichkeit, deren Absurdität der Wahrscheinlichkeitszauber von Valeria Gordeevs geradezu unheimlich ausgereifter Erzählkunst beglaubigt. Der russische Präsident, der mit seiner »Sonderspezialoperation« gegen die Ukraine einen verheerenden Krieg zu verantworten hat, ist bei der Jagd nach einem Schneeleoparden mit seinem Hubschrauber verunglückt. Sein Nachfolger führt die Monarchie wieder ein, freilich unter der Observanz eines aus »vernünftigen Patrioten« bestehenden Wachsamkeitsrates. In dem akrobatisch veranlagten zwölfjährigen Star eines viral verbreiteten Social-Media-Memes wählt sich das Volk seine Reinkarnation der Zarendynastie. Gleichzeitig untersucht ein Geistlicher Stigmata-artige Verfärbungen am wiederaufbereiteten Lenin, während die Sekte um einen als Menschensohn wiedergeborenen ehemaligen Verkehrspolizisten plant, den »Allerabscheulichsten« in seinem Mausoleum an der Kremlmauer mit einer Ladung Spezialdünger in die Luft zu jagen – ein endzeitlicher Reinigungsaffekt, demgegenüber sich Konstantins Anwandlungen harmlos ausnehmen. Pudelskerne und andere Ausgeburten der Hölle wuseln durch das Bild. Schriftzeichen verselbständigen sich und eröffnen einen eigenen Bedeutungsraum.

Aus vielfältigsten Realitätspartikeln, Listen, Meldungen, Interviews, Schaubildern und sonstigen Einschüben, unter denen sich auch ein Piroggen-Rezept findet, erschafft Valeria Gordeev das lebensechte Double einer außer Rand und Band geratenen Welt. Durch die Fugen scheinen literarische und filmische Referenzen aller Art. Sie verdichten sich zu etwas von unverwechselbarer Eigenheit. Es ist das zutiefst menschliche Gegenstück zu dem, was jene makellose Assistentin des Oligarchen-Onkels von sich gibt, deren Existenz sich offenbar einem weiteren Teil seines unternehmerischen Portfolios verdankt: »Ihre Stimme war irgendwie eine Spur zu sauber, nicht der geringste, woher auch immer stammende Akzent.«

Die apokalyptischen wie die ganz alltäglichen Zeichen unserer Zeit erfahren in dem für den Deutschen Buchpreis nominierten und zugleich über alle Nominierungen erhabenen Roman ihre abgrundkomische Offenbarung. Doch wer genau hinhört, kann in dem flirrenden Zikadengesang, der der goldglänzenden Hülle entsteigt, auch die anrührende Geschichte zweier Geschwister vernehmen, hineinverhext in die verrückte Gegenwart, die uns umgibt.

Etwa zu der Zeit, in der Lenin seiner unsterblichen Mumifizierung entgegenging, formulierte der russische Formalist Viktor Šklovskij sein Konzept des Grotesken. Zweck der Kunst sei es, das Vertraute fremd und damit wieder sichtbar zu machen. Der Roman leistet dies in beide Richtungen. Das Vertraute erscheint fremd, das Fremde blickt seltsam vertraut zurück. Aufregender kann man unsere vielleicht so stark wie nie von Automatisierung bedrohte Wahrnehmung nicht reinigen. Und niemand schreibt schönere Putzszenen als Valeria Gordeev.

Valeria Gordeev: »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle«. S. Fischer Verlag. 640 Seiten, 26 Euro.