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Michael Köhlmeier: Erfinde mich neu!

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Michael Köhlmeier erzählt in »Mein privates Glück« aus seinem Leben. Ein schmerzlich heiteres Erinnerungsbuch über den Angriff der Wirklichkeit auf die Vorstellungskraft – oder umgekehrt. 

Ein Onkel erklärt dem Vierjährigen nach einem Arztbesuch eines Tages, dass es in ihm drinnen weitergehe und dass dort mehr sei, als er im Spiegel sehe. Was für eine Röntgenaufnahme gilt, könnte man auch für das Buch in Anschlag bringen, in dem jene Szene festgehalten ist. Es trägt den Titel »Mein privates Glück«. Aus dem Vierjährigen ist in der Zwischenzeit einer der großen Schriftsteller unserer Tage geworden und er erzählt darin, wie es hinter den literarischen Spiegelwelten seiner Romane weitergeht: Michael Köhlmeier schreibt über sich selbst, und auch wenn das in diesen autofiktionalen Zeiten eher den Normalfall als die Ausnahme darstellt, kommt einem nicht in den Sinn, die Folge von 51 biografischen Prosaskizzen in irgendeine Reihe zu stellen – außer in die der diesem Autor eigenen schillernden Erfindungskraft.  

Beim Ritt durch Erinnerungen auf der Rasierklinge zwischen Dichtung und Wahrheit werden Innenwelten offengelegt, von denen sich nicht sagen lässt, welcher der beiden Sphären sie sich verdanken.  Wie eine Rhapsodin haucht die Großmutter dem Kind Geschichten von brüsker Grausamkeit ins Ohr, ohne eine Begründung dafür zu geben, warum nun jeweils »der Kopf eingeschlagen, warum das Blut floss, warum und wer auf den Straßen lag«. Auf der anderen Seite zeigt »Mein privates Glück« eine Gemengelage subtil gezeichneter Befindlichkeiten. 

So eindrückliche Porträts den Eltern gewidmet sind, rücken zunächst andere in den Vordergrund. Weil eine Lähmung auch das Leben der Mutter in zwei Teile zerhackt hat, einen rechten gesunden und einen linken kranken, verbringen der Junge und seine zwei Jahre ältere Schwester ihre ersten Jahre bei ihrer Tante und Großmutter in Coburg. Letztere vor allem versorgt den ihr Anvertrauten nicht nur mit blutigen Märchen und Moritaten, sondern mit einem feinen Sensorium für die Sprache der belebten und unbelebten Natur: »Sie redete mit dem Gemüse und den Straßenlaternen, mit ihrer Geldbörse und ihrem Mantel, mit den Regenwolken und den Grasbüscheln, die zwischen den Pflastersteinen wuchsen.«

So war der Sohn schon mit allem möglichen vertraut, bis er den eigenen Eltern zum ersten Mal bewusst begegnet. Nachdem die Mutter ihre Krankheit überlebt hat, holt der Vater seine Frau, die zeitlebens an den Folgen ihrer Krankheit laboriert, gemeinsam mit den Kindern in das Haus, das er für die Familie im vorarlbergischen Hohenems gebaut hat. Das unheimlich in die Wirklichkeit Hineinragende wird ein Element von Köhlmeiers Erzählen bleiben. Und seine Quelle führt nicht nur auf großmütterliche Fantasien zurück, sondern auf die sehr realen Erfahrungen der Kriegsgeneration. 

Eingearbeitet in das Lebensbuch ist neben zeitgeschichtlichen Streiflichtern eine Poetologie des eigenen Schreibens. Auch hier spielt die Durchlässigkeit von Einbildung und Wirklichkeit eine Rolle. Einmal erscheint dem sich Erinnernden der Vater im Traum und gibt ihm Carte Blanche: »Erfinde mich neu, das wäre mir sehr recht.«

Als Bursche eines feingeistigen Wehrmachtoffiziers hat der Vater, ein Bauernbub mit »intelligent alpinem« Gesicht, während des Kriegs in Paris eine ästhetische Erziehung durchlaufen. Fortan schwadroniert er Ernst-Jüngerhaft von Schönheit und Schrecken, getrieben von der Idee, etwas aus sich zu machen: ein besessener Leser, Hobby-Historiker, die Themen seines Mentors essayistisch verwurstender Lokaljournalist, im Stillen scheiternder Romanautor – und seiner Frau treu ergebener Ehebrecher, der sie noch im Zustand größter körperlicher Hinfälligkeit mit Furzwitzen amüsiert. Als er einmal einem Priester seine Sünden beichtet, antwortet der:  Entweder Sie wollen einen bösen Scherz mit mir treiben. Oder Sie sind ein blöder Angeber. Oder Sie sind ein so verdorbener Mensch, dass keine Beichte Sie retten kann.« Wenn sich jemand mit gemischten Charakteren auskennt, ist es der erfolgreiche Romanautor, zu dem sein Sohn geworden ist. 

Auch die Mutter blickt dem Autor über die Schulter: »Und jetzt wirst du gleich von mir erzählen, hab ich recht?«, bringt sie sich aus dem Jenseits ins Spiel und mahnt den Sohn, die Bücher zu erwähnen, die ihr am Herzen lagen, allen voran die Lebenserinnerungen der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Philosophin Edith Stein. Aus den mild-wilden Augen der Mutter fließen viele Tränen, ebenso oft wird gelacht. Aus dem Zwischenraum wächst im Sohn die Angst, sie könnte einmal Hand an sich legen. 

An einer Stelle schreibt der Autor über ein Gespräch mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, warum es in Entenhausen keine Religion gebe, keine Kirche, keine Friedhöfe? »Weil in Entenhausen nicht gestorben wird«, lautet ihre Antwort, »wo nicht gestorben wird, dort gibt es keine Religion.« Welche Macht über dem Erzählten auch waltet, der Tod ist in ihm allpräsent. Und darüber hinaus. 

Wenige Tage vor Erscheinen des Buches ist Monika Helfer überraschend gestorben. Manche Sätze dieses abgründig-heiteren Mysterienspiels über das eigene Leben bekommen dadurch ein schmerzliches Gewicht, etwa der Rat der Großmutter: »Du solltest nicht allzu viele allzu sehr liebhaben, sonst musst du um allzu viele flennen.«

Wie innig die Verbindung des Schriftstellerehepaars war, lässt sich daran ermessen, dass sich »Mein privates Glück« wie die Fortsetzung jener Trilogie lesen lässt, in der Monika Helfer das Leben ihrer Familie dem Vergehen entzogen hat. Auch in Zeiten grausamen privaten Unglücks lebt im Erinnerungsbuch ihres Mannes ihre Stimme weiter, als würde sie noch einmal die seltsamen Winkelzüge des Daseins beschwören, sich zu einer Geschichte zu fügen, die das Wegsein überdauert.

Michael Köhlmeier: »Mein privates Glück«. Hanser. 320 Seiten, 26 Euro.