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Heinz Strunk: Hadesfahrt nach Heidelberg

Städtereisen gelten als willkommene Gelegenheit, dem Alltag zu entfliehen. Doch nicht, wenn Heinz Strunk die Fäden zieht: »Memories of Heidelberg«.

Veranstaltungsdaten

Zu Beginn ein Gedankenspiel: Ein angejahrtes Ehepaar reist nach Heidelberg, um in idyllischem Ambiente manches wieder auf Trab zu bringen, was in ihrem Leben längst zum Stillstand gekommen ist. Sie landen in einem Boutique-Hotel am Neckarufer, treffen interessante Leute, erkunden die Umgebung und kommen sich allmählich wieder näher.

Was wäre das für eine Geschichte? Mit Sicherheit keine, die man wirklich lesen wollte – und von dem, was Heinz Strunk aus den Variablen malerische Umgebung, Ehe, Alter, Sinnesfreuden macht, so weit entfernt wie Himmel und Hölle. Welches Bild allerdings in die Irre führt. Denn Himmel und Hölle sind bei dem Hamburger Autor keine Gegensätze, sondern beschreiben allenfalls einen Niveauunterschied, von dem aus Dinge ins Rollen kommen, die unweigerlich ganz unten zerschellen. Hier gibt es nur eine Richtung – abwärts.

Im Fall von Strunks neuester Verfallsstudie »Memories of Heidelberg« führt der Weg des adipösen Verwaltungsbeamten Bertram und seiner stattlichen Frau Isolde von Oldenburg in die südliche Romantikkapitale. Wie man angesichts dieser Route jenseits geografischer Verhältnisse oben oder unten definiert, mag Geschmacksache sein. Bertram jedenfalls sehnt sich im Lauf der Ereignisse immer intensiver danach, sich im heimischen Steakhaus »Rodizio Oldenburg« ein »Rodizio Spezial« mit acht Sorten Fleisch reinzuhämmern. Denn die entsprechenden Erwartungen werden in Heidelberg auf einem gespenstischen Gastrokahn auf ganzer Linie enttäuscht.

Es ist nicht das erste Mal, dass Strunk erzählt, wie selbstzufriedene Lebensentwürfe während kulinarischer Dramen im Restaurant zerbrechen, wo unter erdrückenden Speisenfolgen ein Feuer der Missgunst und Verachtung züngelt. Wenngleich Bertram und Isolde an ihrem Katzentisch an Deck der »Karolina« eher an grundsätzlichem Erkalten leiden. Die vollständige Kompensation sexueller durch anderweitige Fleischeslust ist bei dem Paar in einem Endstadium angekommen, wobei sich Bertram, wenn ihn der Trieb überkommt, auch mit der Ersatzbefriedigung durch die Kalorienbombe eines »Mandelintermezzos« und anderen Naschwerks Abhilfe verschaffen kann.

Während die beiden nun in einer diabolischen Zuspitzung der Herr-Knecht-Dialektik auf der schwimmenden Kaschemme ihres Heidelberger Lieblingsitalieners immer tiefer in den Abwärtsstrudel geraten, lohnt ein Blick auf die Mittel, mit denen es Strunk gelingt, sich angesichts des stets drohenden Abgrunds wohlfeiler Brachialkomik über Wasser zu halten. Das augenfälligste darunter ist der Vergleich. In trügerischer Vorfreude auf das Kommende zerfließt Isolde »wie die Butter in der Pfanne«; ihr nerdiger Bruder mit dem schönen Namen Godehard sieht aus, »als hätte er die letzten Jahrzehnte eingesperrt in einem Schrank verbracht: Käseweiß, nach Motten- und allen möglichen anderen Kugeln unklarer Provenienz müffelnd«; ein Windstoß hebt Bertrams Haare, bis sie »wie die Fühler eines Insekts fast senkrecht stehen«, während sein Geschlechtsteil nach verzweifelten autoerotischen Übungen einem Rasierpinsel gleicht.

Kaum ein Absatz ohne die Realisierung von Ähnlichkeitsverhältnissen, die dem damit Beschriebenen nie zum Vorteil gereichen. Man könnte darin die Marotte des Borderline-Satirikers sehen, als welcher Strunk einmal aufgebrochen ist, der das alltägliche Elend sprachlich so lange bearbeitet, bis es komisch wird. Doch in seinem sich immer kompromissloser aus feixenden Verlachgemeinschaften herausarbeitenden literarischen Werk sitzt niemand mehr auf der Bank der Spötter, alle befinden sich im selben Boot. Und das ankert am Acheron. So schonungslos Strunk die Schwächen seiner abgehalfterten Figuren offenlegt, so sehr waltet hinter ihnen ein Verhängnis, noch um vieles größer als ihre Lächerlichkeit.

Dass der Mensch unter den Bedingungen des zeitgenössischen Lebens dazu tendiert, entgegen seinem Selbstgefühl nicht wesentlich, sondern grotesk zu erscheinen, kann nicht dem bösen Blick des Porträtisten angelastet werden. In seinen bizarren Gleichungen führt Strunk den Beweis, dass es um die Welt nicht zum Besten steht. Zynismus und Härte, die man ihm vorwerfen könnte, spielt sein absolutes sprachliches Gehör an die Verhältnisse zurück, denen er sie abgelauscht hat.

Wie alle Gnostiker, denen das Diesseits als Hölle gilt, liebt Heinz Strunk die Musik. Und so ist auch diese Hadesfahrt mit einem Schnulzensoundtrack unterlegt. »Musik hält sich länger als Worte, als Bücher«, denkt Bertram. An dem sich in einer fatalistischen Endlosspirale aus dem Lautsprecher schraubenden titelgebenden Ohrwurm »Memories of Heidelberg« bewahrheitet sich dieser Vorzug als Fluch, man wird ihn so schnell nicht mehr los.

Und der Himmel? Der Bogen des Mondes ist an den Horizont gemeißelt, »schmal wie ein abgeschnittener Fingernagel«. Ähnliche Bilder der Verlorenheit liest man bei Büchner und Schopenhauer. »Der Kahn versottet, das Hotel versottet, das Schloss versottet, die ganze Stadt in unaufhaltsamer Versottung begriffen«. Kann sein, dass das Heidelberger Fremdenverkehrsamt an dem eingangs angestellten Gedankenspiel größeren Gefallen gefunden hätte als an einem Satz wie diesem. Wo die Stadt mit romantischen Ruinen wirbt, treibt Strunk aus dem Verfall das wahre Gesicht der Welt hervor.

Doch in jeder Passionsgeschichte flackert die Hoffnung. Das himmlische Lesevergnügen, das der abgrundkomische Witz des metaphysischen Clowns Strunk trotz allem der irdischen Trostlosigkeit und kosmischen Einsamkeit seiner Figuren abringt, lässt sich durchaus als Wunder der Wandlung verstehen. Wenn man das Glück nicht zu fassen bekommt, muss man sich eben an das Unglück halten.

Heinz Strunk: »Memories of Heidelberg«. 176 Seiten, 23 Euro.

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