Şeyda Kurt: Rettung aus dem Sumpf
In ihrem Roman-Debüt »Zeit der Monster« verbindet Şeyda Kurt soziale Gegenwart, assyrische Mythen und politische Geschichte zu einem der ungewöhnlichsten Romandebüts der letzten Zeit. Aus dem Morast eines Kölner Problemviertels wächst eine Erzählung, die Vergangenheit und Zukunft neu zusammendenkt – wild, komisch und von großer erzählerischer Kraft.Veranstaltungsdaten
Die Stimmung im Viertel ist schlecht. Man muss nur hören, was der schon gründlich bedullerte Stammgast in der Kneipe außer klebrigem Schweiß noch absondert: Klagen über leerstehende Häuser, eine geschlossene Chemiefabrik – und die Linsen im Supermarkt werden auch immer teurer. Briefe an die Kanzlerin blieben unbeantwortet, durch die Sozialen Medien geistert eine düstere Untergangsprophezeiung.
Was tun, damit nicht alles im Morast eines sozialen Brennpunkts versinkt? Ganz einfach, man muss der Erschöpfung eine neue Schöpfung entgegensetzen. Eine solche ist Şeyda Kurts »Zeit der Monster«. Es gibt viele Möglichkeiten, aktuelle Problemzonen mit literarischen Mitteln zu erschließen. Aber was in den sieben Schöpfungstagen dieses Romans passiert, bebt von einer vitalen Energie, die aus dem nicht nur von chemischen Altlasten kontaminierten Untergrund der Geschichte Dinge hervortreibt, die ihr am Ende eine neue Wendung geben könnten – und Geschichte ist hier durchaus groß gedacht, auch wenn der Ausgangspunkt die Sieversstraße 20 im Kölner Stadtteil Kalk ist, der schon einmal bessere Zeiten gesehen hat.
Eines dieser Dinge ist neben Müll, Injektionsnadeln und alten Zeitungen ein rätselhafter alter, mit merkwürdigen Schriftzügen besetzter Silberbecher. Kinder von Geflüchteten, denen der aus Sizilien stammende Priester Angelo Kirchenasyl gewährt, haben ihn irgendwo ausgegraben. Und weil die Formen und Gattungen des Erzählens mindestens so vielgestaltig oder divers sind, wie die Bewohner des in jenen Zeitungen wahlweise als Drogen-, Elends- oder Krawallsumpf beschriebenen Kiezes, ist Zeit der Monster« neben vielem anderen eben auch eine Art Gralssuche, die aus einer eher für engagierte Sozialreportagen disponierten dürftigen Zeit mit tolldrastischem Witz und klugem Ingrimm hinausführt.
Fraglich allerdings, ob das radebrechende Nachbuchstabieren von Handlungsfolgen geeignet ist, einen Begriff von der Außerordentlichkeit dieses Romans zu vermitteln: Wie Sanya, die von der im Rollstuhl sitzenden Besitzerin der Muckibude McBurn aufgenommen wurde, eines Tages aufwacht und feststellt, dass ihre Geliebte und Halbschwester Nabû verschwunden ist, dafür aber eine seltsame Gestalt ihr nicht mehr von der Seite weicht; wie die auf TikTok lancierte apokalyptische Prophezeiung vom Weltende einen großen Aufstand erregen soll, doch fürs erste nur zu einem Messias-Wettbewerb führt; wie Sanya, von ihrer neuen Begleiterin geleitet, besagten Silberbecher erbeutet und dabei Pater Angelo ins Wachkoma befördert, der darauf von seinem bei McBurn angestellten Geliebten kanonisiert wird: »Vom Sumpf gekommen, werden wir zum Sumpf zurückkehren.« Und immer wieder huschen Ziegen und Graue Wölfe durchs Bild.
Mit einer Fabulierlust, zu deren babylonischen Spielarten aramäische, türkische, kurdische Einschläge ebenso gehören wie übersetzungsbedürftigstes Kölsch, hilft Şeyda Kurts Erzählerin den widerspenstigen Verhältnissen solcher Geschichten über jeden Zweifel an ihrer Plausibilität hinweg. Und vielleicht bestrickt unter allen ihren Mitteln am meisten die coole Unvoreingenommenheit, mit der sie das sich an jedem Schöpfungstag weiter entwickelnde Chaos wuchern lässt, um jeweils in mitternächtlichen Bestandsaufnahmen aus dem Geschehen im Viertel das fehlende Ganze herauszulesen.
Denn alles, was sich hier tut, hat eine Vorgeschichte: die Chemiefabrik, in der die Arbeit gefunden haben, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, zum Beispiel, weil hier das Giftgas hergestellt wurde, mit dem ihre Angehörigen dort ermordet wurden; oder der Verlust ihrer Jobs, weil Banken durch die Spekulation mit riskanten Finanzprodukten eine weltweite Wirtschaftskrise ausgelöst haben; oder der Islamismus, den die USA und ihre Verbündeten ursprünglich gefördert haben, um demokratische und antiimperialistische Kräfte im Mittleren Osten zu schwächen, so dass sich viele, die einmal an einen Frühling geglaubt haben, nun im Nieselregen des Viertels wiederfinden.
Es gibt alle Arten von Gedächtnismedien und Archiven, hier kommt der Sumpf dazu, ein Soziotop von miteinander zusammenhängenden Geschichten. Und die unvergesslichen Figuren, denen man hier begegnet, haben dergleichen nötig. Denn sie tendieren dazu zu vergessen, wer sie sind. Selbst wenn sie den Namen einer assyrischen Königin tragen, wie die vom Rollstuhl aus viele Strippen ziehende McBurn-Besitzerin, Shamiram, genannt Mira. Ähnlichen Ursprungs ist der Name ihrer Tochter Nabû, der auf die babylonisch-assyrische Gottheit der Schreibkunst und Weisheit verweist. Aber wo ist sie eigentlich, die von Sanya so verzweifelt vermisst wird?
Mittendrin und gleichzeitig ganz woanders. Sie hat sich aufgemacht, dorthin, wo alles angefangen hat. Und hier kommt der Keilschrift-Becher wieder ins Spiel, er verweist auf einen alten Mythos, wie sich das Schicksal wenden ließe. »Was«, so fragt sich Nabû, »wenn man die Zukunft nur verändern kann, indem man die Vergangenheit umschreibt?«
Das Ergebnis hält man in den Händen, ein Heimatroman, wie es noch keinen gab, der den Problemmorast der Kölner Peripherie mit dem uranfänglichen Schwemmland aller Zivilisation zwischen Euphrat und Tigris verbindet. Und wie darin Sozialrealismus, alte Mythen, koloniale Verbrechen, postkoloniale Theorie, Industriegeschichte, Globalisierung und vieles mehr zusammenfließen, führt den Beweis, welche fruchtbaren Kräfte in einem Sumpfloch schlummern. Mutig und mit wilder literarischer Unternehmungslust zerteilt Şeyda Kurt den darüber wabernden Endzeitdunst.
Sachbücher wie »Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist« oder »Hass – Von der Macht eines widerständigen Gefühls« machten die in Köln-Kalk aufgewachsene Autorin bekannt, mit ihrem Roman-Debüt beginnt etwas Neues. Nachdem die Stimmung im Viertel zu Beginn noch zu wünschen übrigließ, mündet das Ganze in den Satz: »Herrlich hier« – man kann ihm nur beipflichten.
Şeyda Kurt: »Zeit der Monster«. Roman. Hanser. 288 Seiten, 23 Euro.