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Stephan Thome: Der Wandel des Immergleichen

Stephan Thome schreibt sein Debüt »Grenzgang« in die diskursiven Scharmützel der Gegenwart weiter: »Besser als nie«.

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Vielleicht entscheidet sich unser Schicksal ja in der Provinz. Im realen Leben könnte sich das in banger Erwartung auf die anstehenden Wahlen in Ostdeutschland aufdrängen. In der Literatur mit der Renaissance des Heimatromans. Der Raum abseits der Metropolen wird darin zum Labor, in dem die vielfältigen ökonomischen, ideologischen und sozialen Wechselbeziehungen des modernen Lebens untersucht werden. Wollte man sich einmal durch die Flucht aufs Land allem entziehen, ist man jetzt erst recht mittendrin in den Debatten, die eine Gesellschaft beschäftigen und zunehmend entzweien.

Das ist nicht der einzige Grund, warum man in »Besser als nie« von Stephan Thome mit vertrauten Augen angeblickt wird. Denn genau hier war man bereits, eine Erfahrung, die man bei diesem Autor öfter machen kann. Schon einmal hat er den »Fliehkräften« einer Ehe ein »Gegenspiel« entgegengesetzt, die gleiche Geschichte, einmal aus männlicher, einmal aus weiblicher Perspektive erzählt.

Das Bestreben, beide Seiten zu hören, etwas aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, bestimmt auch den neuen Roman, in dem Thome dahin zurückkehrt, wo alles anfing: seine Karriere als Schriftsteller – und das alle sieben Jahre im fiktiven oberhessischen Ort Bergenstadt das individuelle Treiben der Bewohner überwölbende Ritual des »Grenzgangs«. Thomes gleichnamiges Debüt bettete die verflixten siebten Jahre im Beziehungsleben seiner Figuren über ein raffiniertes System von Rückblenden in die kollektive Ordnung der zyklischen Wiederkehr jenes dreitägigen Fests.

Doch eben die ist nun gehörig in Unordnung geraten. Zum einen wurden pandemiebedingt aus sieben neun Jahre, zum anderen sind seitdem zwischen den Bewohnern auch in Bergenstadt Fronten aufgebrochen, deren Demarkationslinie sich ausgerechnet mitten durch das Ereignis zieht, das sozialen Zusammenhalt stiften sollte. Denn auch die zyklische Wiederkehr ist dem Voranschreiten der Zeit nicht enthoben. Stein des Anstoßes ist der Brauch, einen der Bewohner schwarz anzumalen, und als »Mohr« auf den Gang zur Grenze zu schicken. Blackfacing, Rassismus, empören sich die einen, Tradition beharren die anderen, und überhaupt: »Die Leute wollen sich nun mal nicht vorschreiben lassen, wie sie ihr Fest feiern dürfen.«

Wohin das Klammern an überlebten Sitten und Gebräuchen führt, weiß das vor den überaus traditionsbewussten Taliban aus Afghanistan geflohene Mädchen nur zu gut, an dem die Ex-Frau des Bürgermeisters ihre willkommenskulturellen Überzeugungen statuiert. Auch das kann zum Syndrom werden. Noch so hehres Gerechtigkeitsempfinden ist gegen Bekehrungseifer und die Überheblichkeit des guten Gewissens nicht gefeit. Umgekehrt droht das nachvollziehbare Bedürfnis, in den überschaubaren Abläufen des Festwesens Halt gegen die Zudringlichkeiten einer immer unübersichtlicher werdenden Welt zu finden, in ressentimentgeladene Heimattümelei zu kippen. Dazwischen ringt das um seine Wiederwahl bangende Stadtoberhaupt vergeblich darum, »die Kirche im Dorf zu lassen«, während von der einen Seite über provinzielle Dumpfbacken feixende Medien, von der anderen ein rechtspopulistischer Herausforderer und seine Parteigänger Öl ins Feuer gießen.

Auch für die Erzählgattung, die all dies zur Erscheinung bringt, lassen sich grob zwei Typen unterscheiden: Hier die erfolgreichen Dorfromane Juli Zehs, die das Ganze vom Rand aus in den Blick nehmen, um in dieser Umkehr der Perspektive festgefahrene Meinungs- und Verurteilungsformationen zu überprüfen. Wobei das unsichtbare Mastermind, das die an den seidenen Fäden aktueller Problemstellungen baumelnden Figuren steuert, am Ende eben doch wieder manches besser weiß, als es der Absicht guttut, eben diese Art des Wissens infrage zu stellen.

Dort Bücher wie Saša Stanišićs‘ »Vor dem Fest« oder Lukas Rietzschels »Sanditz«, in denen die Provinz zum Schauplatz eines Welttheaters wird, weil die Figuren außer ihrer Bedeutung im Spiel der Diskurse noch ein eigenes Schicksal zu tragen haben, und eines erst aus dem anderen verständlich wird.

Jene Form lebt von einem didaktischen Impetus und befriedigt ähnlich wie bestimmte Computerspiele die Lust, das Große im Kleinen nachzustellen – wer würde behaupten, dass es dafür keinen Bedarf gibt. Die andere verfolgt keine Agenda, sondern die leisen Signale, Botschaften, Erschütterungen, die unter den Oberflächen wirken und andere Geschichten erzählen als solche, die sich auch in Talkshows verhandeln ließen.

In dieser Gebietsaufteilung steht der neue Roman von Stephan Thome genau an der Grenze. Er impft seine pandemiegezeichneten Figuren mit der ganzen Ladung aktueller Triggerthemen: Heimat, Migration, Geschlechterrollen, Moral, Übermoralisierung, Freiheit, Bevormundung. Aber als genau beobachtender Feinmechaniker der menschlichen Seele begnügt er sich nicht mit Avataren des Meinungskampfes. Zum Leben erweckt das Gesellschaftsporträt der unruhige Puls individueller Beziehungsgeschichten – wie könnte es auch anders sein in einem Grenzgang-Jahr. Im Streit ums Immergleiche ordnen sich die Verhältnisse neu. Noch die hartnäckigste Entzweiung beschreibt ein zwischenmenschliches Geschehen. Oder wie die Ex-Frau des Bürgermeisters über die Freundschaft zu ihrer Lieblingsfeindin denkt: »Wenn man so viel aneinander auszusetzen hat, bleibt eben nur die Auseinandersetzung.«

Zugute kommt der Darstellung, dass Thome, der in Taiwan lebt, von der Welt, die er beschreibt, sowohl die Fernsicht als auch die Nahsicht kennt. Manches klärt sich eben erst im Zusammenwirken von Fliehkräften und ihrem Gegenteil – besser als nie. Und während im echten Leben im oberhessischen Heimatort des Autors Biedenkopf in diesem Jahr der Grenzgang bevorsteht, ob mit oder ohne »Mohr«, kündigt sich mit Shida Bazyars »Lücken« schon der nächste große Heimatroman an. Die Provinz ist unser Schicksal.

Stephan Thome: »Besser als nie«. Suhrkamp. 490 Seiten, 28 Euro.

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