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Son Lewandowski: Felgenschwung ins Verderben

Son Lewandowski erzählt in »Routinen« vom System des Kunstturnens als Schule der Selbstzerstörung – und gewinnt daraus das eindringliche Bild einer Gesellschaft, deren Leistungsversprechen auf Gewalt beruhen.

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Wenn ein Roman eine brisante gesellschaftliche Thematik aufgreift, könnte die erste sich aufdrängende Frage sein, was er anderen Darstellungsformen voraus hat. Warum sie sich in Son Lewandowskis beklemmenden „Routinen“ aus dem Leben junger Kunstturnerinnen nicht stellt, liegt daran, dass einem die Antwort gleich auf den ersten Seiten vor die Füße geschleudert wird. Bei der Europameisterschaft in Antalya kracht eine für Deutschland gestartete Sechzehnjährige vom Stufenbarren und bleibt schwer verletzt liegen. Und kein Röntgenbild, kein wie auch immer gearteter Bericht, keine investigative Bestandsaufnahme könnte so präzise durchleuchten, mit welchen tiefliegenden Verletzungen die waghalsigen Exerzitien einhergehen, sich über den eigenen Körper hinwegzusetzen.   

Denn wo die um ihre Kindheit geprellten Hochleistungsathletinnen, die in dem Roman auflaufen, ihre bewundernswerte Elastizität erst um den Preis erlangen, zuvor gebrochen worden zu sein, ist Literatur an keine Körpergrenzen gebunden. Sie beherrscht alle Varianten des emotionalen Spagats zwischen Spiel und Zwang, Freundschaft und Konkurrenz, Solidarität und Missgunst; sie schwingt sich unbeirrt von Dokumentarischem zu Imaginärem und wieder zurück. Und sie vermag es dabei, den Lesenden jene verstörenden Routinen so nahe zu bringen, dass es sie aus der bequemen Balance routinierter Gleichgültigkeit reißt. 

So steht am Anfang eben nicht die Frage nach dem Leistungsvermögen der Kunstform Literatur, sondern eine andere: »Wer von euch kann ein Rad?«. Mit diesen Worten soll der Trainer der rumänischen Weltklasseturnerin Nadia Comăneci in Grundschulen auf Talentsuche gegangen sein, und „bumm, bumm – sie schlugen perfekte Räder“. Wohin das führt, mit Schlägen und bumm bumm, verfolgt der Roman an realen Leidenswegen erfolgreicher Sportlerinnen, die körperlich und seelisch missbraucht ganz oben auf dem Treppchen landen, oder eben abstürzen. 

Und damit zurück zu der verunglückten Turnerin in Antalya, die inzwischen in einem türkischen Krankenhaus künstlich beatmet im Koma liegt. An ihrer Seite die Erzählerin, die ihr den Glitzer aus dem Gesicht wischt. Denn diese Mädchen müssen glänzen wie Edelsteine: »Druck erzeugt Diamanten«. Auch die Erzählerin hat den Schliff von Leistungszentren durchlaufen, hat alles verpasst, was Kinder normalerweise erleben, sich stattdessen in endlosen Wiederholungen einer halsbrecherischen Disziplin unterworfen, um für einen Moment im künstlichen Rampenlicht für alles entschädigt zu werden. »Die Wiederholung war mein Vater, meine Mutter, meine Trainerin. Sie hielt und gewöhnte mich, belohnte und bestrafte mich, aber sie vergaß mich nie, weil sie mich brauchte.«

Galt es gerade noch das lolitahafte Ideal gegen die aus dem schmalen Körper platzende Pubertät mit Diäten und Essstörungen zu verteidigen, droht ein paar Jahre später schon wieder die Ausmusterung aus der mühsam erarbeiteten Auslese, zu alt, zu stämmig. Dazwischen immer nur ein nächstes »Hoch!«, ein strenges »Zieh!«, ein weiteres »Nochmal!« 

Doch die Erzählerin ist noch in eine andere Schule gegangen. Wie ihre Sprache die dem Körper auferlegten Leidensarten abbildet, erinnert an Elfriede Jelinek oder Ingeborg Bachmann. Die Reduktion der Person auf einzelne verrenkte Glieder findet in kühnen Montagen und Schnitten ebenso Ausdruck wie ein von Gewaltfantasien und Neid unterhöhlter Teamgeist: »Ich wanderte ihre dünnen Beine ab, wollte sie abreißen und an mich stecken.«

Der Sprachkörper assistiert dem geschundenen Leib, und das Wortmaterial aufpeitschender Ertüchtigungsphrasen enthüllt, was die scheinbar schwerelose Körpersprache des in staatlichen Kaderschmieden zurechtgebogenen Menschenmaterials verschweigt: »Den inneren Schweinehund, sich zusammen, sich nicht, die Zähne, sich zusammen, den Arsch, sich zusammen, hart im, sich über, zusammen, nehmen, raffen, reißen, beißen, kneifen, winden.«

So funkelt der Roman seinerseits wie ein scharfkantig geschliffener Diamant im dunklen Glanz sämtlicher Facetten des Leistungssports. Die dokumentarischen Fallstudien verschlingen sich mit dem fiktionalen Erinnerungsflash aus dem türkischen Krankenzimmer. Und alles kehrt wieder, nicht nur das tägliche Übungspensum, auch der emotionale, mentale und körperliche Missbrauch in den Trainingsstätten. »In den Niederlanden werden fünfundzwanzig Trainer:innen angezeigt. In Chemnitz, in Stuttgart, in Magglingen – wir wiederholen uns.«

All dies als heikles Ambivalenzkunststück vor Augen zu führen, ist das eine. Aber Son Lewandowskis Roman wagt mehr, indem er über das, was er brillant beschreibt, gleichzeitig hinausweist auf die Prinzipien einer Gesellschaft, die sich an den halsbrecherischen Luftnummern gedrillter Kinder ergötzt und davon gar nicht genug kriegen kann. 

Über das Besondere einer Turnübung das Allgemeine einer kompetitiven Gesellschaft sichtbar zu machen, ist die höchste Stufe auf dem Treppchen literarischer Weltdarstellung.

Son Lewandowski »Routinen« Roman. Klett-Cotta. 272 Seiten, 25 Euro.

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