Lexikon der Schönheit

Halt, Schutz, Abweichung und Aufbruch: Wir laden Sie ein, in Zeiten des Stillstands, der existenziellen Verunsicherung und Sorge, in denen Begegnungen reduziert und Berührungen potenziell gefährlich sein können, den Blick zu wechseln und diesem genuinen Bedürfnis nach Schönheit neuen Raum zu geben: Schenken Sie uns ein Wort, das Sie mit Schönheit verbinden und erläutern Sie uns knapp Ihre persönliche Schönheits-Bedeutung. Wir sammeln alle Worteingänge, und am Ende steht hoffentlich nicht nur die allmähliche Zähmung eines Virus, sondern auch ein Aufbruch: Ein kleines Lexikon der Schönheit mit bekannten wie neu gebildeten Wörtern – wir freuen uns auf Ihre Einsendungen!

Schöne Wörter und ihre Erläuterungen direkt per Mail senden > 

Ästhetik

Nicht sonderlich originell, doch ich verbinde damit die Schönheit als Begriff der Philosophie und der Semiotik und gleichzeitig eine Paradoxie, da diese beiden Disziplinen etwas Ungreifbares, verbal beschwer Beschreibbares in Worten und Regeln erklären möchten ... außerdem habe ich in der Schule immer gedacht, es schreibt sich "Ästethik", weil es von Ethik kommt. Ist ethisches Handeln schönes Handeln? Und ist "Äst" nicht eher eine eklige Vorsilbe? (von Max Höllen)

allerliebst

ist etwas, das man ins Herz schliesst. Es hat nicht mit dem “Herzallerliebsten mein” zu tun. Ich kenne es aus meiner Kinderzeit, unsere alte Hausbesitzerin brauchte das Wort. Und ich sehe die liebenswürdige Frau, immer schwarz gekleidet, mit tiefer Stimme summend wie eine dicke Hummel sich durch ihren Garten bewegen. “Allerliebst”, so denke ich, sagt wohl mehr über den zärtlichen Blick. Zuwendung und Innigkeit schwingen mit und machen aus einem unscheinbaren Ding, einem kleinen Tier oder einem Kind etwas Einzigartiges. (von Regula Freiburghaus)

Amber

– die Bernsteinfarbe – dieser samtene leuchtend warme Gelbbraunton. Wenn ich das Wort für mich ausspreche, rollt es mir weich und geheimnisvoll durch den Mund. Und erinnert mich sofort an Ambra, das ebenfalls bernsteinfarben und zudem auch noch äusserst wohlriechend ist. Ich ziehe mir dieses Wort durch Mund und Nase und versinke in Bildern und Gerüchen. Bald frage ich mich, ob, wenn das A durch ein O oder ein U ersetzt würde, das mystisch-dunkle Strahlen des Wortes noch zunehmen würde. So lande ich bei Umbra – lateinisch für Schatten. Sehe das Lichtspiel der Sonne im Blätterdach eines Feigenbaums oder vielleicht auch eines Olivenbaums oder einer Palme, wähne mich im Süden und denke ¡Hombre! Wie eine Reise durch Wortlandschaften doch die Schönheiten der Welt zeigt! (von Sabine Brunner)

Andersleben, das

Vermutlich ein Neologismus, aber bezeichnet für mich die schwierige, aber auch schöne Möglichkeit, in einer Ausnahme-Krisen-Situation wie jetzt über (im besten Fall) utopische Möglichkeiten nachzudenken, sein Leben grundlegend ändern zu können oder es zu wollen, da durch äußere Einflüsse sowieso viele grundlegende Faktoren des bisherigen Lebens außer Kraft gesetzt worden sind. Im besten Sinne eine schöne Möglichkeit. (von Manfred Heinfeldner)

Augenblicksewigkeit

Wenn wir uns küssen und die Welt versinkt. Wenn der Falke vor uns in der Luft steht und rüttelt. Wenn Abends Amsellieder wie dunkles Blut von den Dächern tropfen. Wenn ich Kastanienblütensüße in der Nachtluft wittere. Wenn die Welt den Atem anhält im Rund deines Nabels. Wenn die Sonne aufgeht, beim Heimlaufen durch den leeren, blauen Morgen. (von Ulrike Bohnet)

Aussicht

die aussicht bald nicht mehr aus diesem fenster
vorne der sandige weg verliert sich stirn
farben im ansatz des gartens das weiße tor
kann ganz leicht geöffnet werden streicht
durch das gras unser schritt der letzten tage
immer noch ins satte grün gedrückt mein blick
aus unsrem fenster bald nur noch erinnerung
wie es ist auf dich zu warten
(von Kathrin Schadt)

Ahle, das

Als Kind bekam ich von meiner Mutter vor dem Schlafengehen keinen Gutenachtkuss, sondern ein Ahle. Ein sanfte, wiegende Berührung ihrer Wange mit meiner. So schlief ich jede Nacht beruhigt ein.
Mit dem selben Liebesbeweis verabschiedete ich mich oft von meinen Großeltern. »Gib dem Opa noch ein Ahle«, sagte meine Mutter, bevor wir nach Hause gingen. Mein Großvater beugte sich zu mir herunter und wir rieben unsere Wangen aneinander. Ich mochte das sehr!
Mit dem Größerwerden verlor sich diese Geste gegenseitiger Zuneigung allmählich. Heute gebe ich Nathalie ab und zu ein Ahle. Oder sie mir, was sehr schön ist. (von Matthias Bumiller)

Anmut

Eines meiner deutschen Lieblingswörter, obwohl es wenig verwendet wird, als hafte ihm etwas Unzeitgemässes an. Warum eigentlich? Klingt Grazie besser? Nein, definitiv nicht. Anmut ist zart, leicht, beinhaltet Liebreiz und diskreten Charme - und Stil, der nicht protzt, sondern stille Schönheit verkörpert. Anmutig können Bewegungen sein, Gesten, Blicke, Verhaltensweisen, wobei sie von innen gesteuert werden. Ein cholerisches Naturell verbindet sich selten mit Anmut, Schrillheit sucht sich andere Ventile. Während jemand, der zu kindlichem Staunen neigt, sehr anmutig wirken kann.

Anmut ist das Gegenteil von Plumpheit und gröblicher Starrheit. Gerade in Zeiten, wo ein Virus uns zu Social Distancing zwingt, kann man ihr viel abgewinnen. Statt zu drängeln, lassen wir dem andern anmutig den Vortritt. Statt einander um den Hals zu fallen, grüssen wir mit einer anmutigen kleinen Verbeugung. Lernen liesse es sich von den Japanern, die sich in der Kunst der Anmut und unauffälligen Eleganz besonders gut auskennen. Denn Stil ist für sie immer fein tariert und - ausserhalb der Pop-Kultur - eine Sache von Nuancen.

Anmut unterscheidet sich von Höflichkeit durch Charme, also eine gewinnende Qualität, deren Zauber man verfallen kann. Und durch Schönheit. Weshalb anmutige Menschen anziehende und im umfassenden Sinne schöne Menschen sind. Ob jung oder alt.

Auch Dinge können anmutig sein, zum Beispiel eine japanische Teeschale, deren Reiz in der leicht asymmetrischen Form liegt. Eine Landschaft, hügelig und amön. Oder Musik (mir fällt spontan Mozart ein). Zur Anmut gehört Beschwingtheit - was sie von Würde abhebt - und Lieblichkeit. Vielleicht ist sie eine Kombination von Schönheit und Liebe. Das würde ihre rundum positive Ausstrahlung erklären. (von Ilma Rakusa)

Anmutprobe

Der schüchterne Versuch, charmant zu werden. (von Ernst Wäspe)

Augenweide

Es kann nur etwas sehr Schönes sein, an dem Augen länger verweilen und sich weiden können. Ich persönlich bin ein großer Fan von (z.B. Schaf-) Weiden und verbinde das sowohl mit üppigen, saftigen Wiesen, auf denen man (als Schaf) in Ruhe den Hunger stillen kann, als auch mit einer großen Harmonie in der Natur. (von Ursula Rivoir)

ausgepinkelt sein

Eigentlich gar nicht schön. Aus der tschechischen Slang-Sprache von mir ins Deutsche mitgenommen – steht im Tschechischen für »berechnend sein«. Durch diese freie und direkte – wortwörtliche Übertragung ins Deutsche bekommt aber dieser Ausdruck für mich plötzlich etwas fast Poetisches und Lustiges Leichtes und Schönes. Es erinnert mich an meine Heimat und meine Liebe zu Fremd-Sprachen und ihre Schönheit und die Freiheit, durch sie (nicht nur) meinen Alltag spielerisch sprachlich zu bereichern. (von Lenka Kühnertová) 

Begleiterscheinung/en

Dieses Wort stellte sich nach einer ausgiebigeren Zeitungslektüre bei mir ein. Es verhilft mir zu einer leichteren, geschmeidigeren Haltung dem Unverhofften gegenüber. Die Dinge, die mir zustoßen, haben als „Begleiterscheinungen“ eine Chance, sich mit mir anzufreunden, zumindest immer wieder. Die Lautmelodie, die ihm innewohnende Rhythmik - ein feines Wort mit Noblesse und einer Lizenz zur Contenance. (von Timo Brunke)

Blumenfrau

Wenn ich mit dem ersten Espresso auf den Balkon trete, ist sie schon da. Es ist noch kühl, sie trägt eine wattierte Jacke und eine Mütze, die sie tief in die Stirn gezogen hat. Die Blumenfrau aus meiner Strasse baut ihre Ware vor dem Laden auf: Oliven- und Zitronenbäumchen, Rosenstöcke, Sträusse mit Pfingstrosen, Hortensien, Wicken, Küchenkräuter und Lavendel in Töpfen. Ein Spediteur liefert grosse Kartons an. In der Gasse zwischen den Stellagen mit der farbigen Pracht hat sie gelbschwarze Abstandsmarkierungen und Richtungspfeile angebracht. Später, als die ersten Kunden Schlange stehen, nimmt sie die Mütze ab und legt eine Schutzmaske an. Wenn sie in meine Richtung schaut, winke ich vom Balkon; selten winkt oder nickt sie zurück. Die Blumenfrau kann es sich leisten, ein bisschen spröde zu sein. Wir lieben sie trotzdem und sie weiss es. Manchmal lächelt sie, wenn ich vorübergehe und manchmal verschenkt sie einen Strauss oder eine Tüte mit Rosenblättern. Die Schönheit ihres Lächelns und die Haltbarkeit ihrer Ware sind gleichermassen unberechenbar und fallen mir zu wie ein unverdientes Glück. (von Ruth Wittig)

beziehungsweise

ich pfeif drauf gewhistled chiflando all over
ein fädchen gesponnen ein andres vertrimmt
es pfeift aus dem loch das letzte es flüstert
mir meine auch deine weise: heute nur ich
und morgen mit dir dann ein wir dann
ein ihr sein ist alles uns überall ein lösen
und binden wir schinden uns zyklisch ver:
schwinden wir tauchen auffff dann wieder
ab und auf diese weise gepfiffen wir flüstern
und flippen unsere steine
in nie begradigten lauf
(von Kathrin Schadt )

Blickwechsel

Weil ich aus Erfahrung weiß, dass ein freundlicher Blick schön wie eine zärtliche Berührung sein kann. (von Barbara Hering)

Bildnis

Darin ist für mich Farbe, Angesicht, feiner Pinselstrich, Blick, Licht Schatten, Ausdruck, Tiefe, Geheimnis, Rätsel und Seele enthalten. (von Brigitte Lüthi)

bankoulélé

Wo sich ein bankoulélé anrichtet, herrscht lärmende Unordnung, es tobt, es tumultet, es wirbelt in einem Durcheinander von Menschen, Geräuschen, Farben und Sachen. Die bankoulélés, die ich erlebte, waren fröhliche, unbeschwerte und fantasievolle Gewimmel.
Mein Wort der Zeit ist ein kreolisches Substantiv aus den Antillen. Gehört habe ich es in Westafrika und um Barbès in Paris. Es zeugt somit von der Zirkulation von Menschen und Kulturen und steht für das, was Edouard Glissant die „Poetik der Beziehung“ nannte.
Bankoulélé sollte man mehrmals laut aussprechen, um es auch akustisch-musikalisch zu erfassen. Etymologisch hat bankoulélé vielleicht etwas mit „bang“ zu tun, dem Knall, oder mit „bank“, dem Lärm; auf alle Fälle mündet das Wort in „wélélé“, onomatopäisch nah an einem staunenden „oh la la“. Nach einem befreienden bankoulélé sehne ich mich sehr. (von Françoise Joly)

 

Baiser

Mit diesem Begriff verbinde ich sofort ein zerbrechliches, weißes, geschäumtes Gebilde von enormer Süße. Die Konsistenz ist ungewöhnlich, das Zuckerpuder bestäubt den ganzen Mundraum. Ein pures Sommererlebnis: Himbeeren, Sahne und Baiser! Natürlich gibt es auch andere Interpretationen. DER KUSS von Gustav Klimt ist eben nur auf Distanz erlebbar. (von Corinna Jäger-Löhnert)

betörend

Für einen Moment werde ich aus meiner Bahn geworfen, in meiner Grundfeste erschüttert und wie vom Blitz getroffen tief ergriffen in einer Sphäre des Entrückten gelassen - wirkt der Anblick von etwas, sei es Mensch, Blume oder Baum derart auf mich, dann ist die Erscheinung betörend schön. (von Sämy Klieber)

Der Schaffhämmerer und der Brot-Teigger

Über die exakte Schreibweise ihrer Wortprägungen machte meine vierjährige Tochter damals keine Angaben. Aber das waren die Bezeichnungen, welche sie für unseren "gschaffigen" Mitbewohner erfand, der immer und überall mit "aller Gattig" Werkzeug Hand anlegte, und für mich, der jeweils am Wochenende am Backen war. (von Willi Zeller, bzw. Tochter Lynn)

Duft

Weil die Schönheit einer Blume wird noch größer mit ihrem Duft. Wenn ich z.B. an einer Freesie oder einer Rose rieche, und sie duftet nicht, ist sie immer noch schön, aber wenn sie duftet, noch schöner. So kann z.B. auch ein Gedicht "duften". (von Renate Schneider)

 

Ehrenpreis

Der Ehrenpreis, so der deutschsprachige Name für die vielen Arten der Gattung Veronica, ist eine Wortzusammensetzung, die sich auf die Heilkraft der Pflanze bezieht: „Dem Ehrenpreis sei Ehr’ und Preis als vera unica medicana“. Das Wort bringt „Ehre“ und „Lobpreis“ zusammen -- ein Zusammenklang, der mir aus religiösen Kontexten vertraut ist: „Ihm sei Lob, Ehr’ und Preis“, sangen wir Weihnachten mit dem Lied „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“ von Nikolaus Herman, das im 16 Jahrhundert entstand.
Wenn ich das Wort „Ehrenpreis“ höre, sehe ich auch die kleinen traumblauen Blüten des Gamander-Ehrenpreises: Auf den ersten Blick unscheinbar, ist denen, die sich zu ihm hinunterbeugen, das Blütenblau in den zart gestreiften Kronblättern so intensiv, dass es lange nachleuchtet, wenn ich den Ehrenpreis draußen bewundern habe, zierlich-unscheinbar, doch so selbstbewusst in seiner verschwenderischen Farbe, aus dem Inneren, aus seinem Schlund weiß leuchtend.
Stefan George hat den Ehrenpreis in einem Gedicht der „Traurigen Tänze“ (1928) aufgehoben. Auch diese Verse über einen Sommer, der seinen Zenit überschritten hat, klingen mir im Wort „Ehrenpreis“ mit an:

Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.

(von Beate Tröger)

erratisch

Dieses im Alltag selten gebrauchte Adjektiv hat eine geologische und eine übertragene Bedeutungsebene. Ich verwende es selten, und wenn ich es tue, dann im übertragenen Sinne: schlingernd, umherirrend, unvorhersehbar. Seine Schönheit liegt für mich in der kunstvoll diktierten Sequenz der Buchstaben. In dem „er“ empfinde ich den kurzfristig gefassten Entschluss aufzubrechen, einen Weg oder gar eine Reise anzutreten, was im nächsten Moment ebenso unvorhersehbar aufgekündigt wird, um mit „-ratisch“ urplötzlich und unangekündigt in Richtung Ausgangsposition umzukehren und schließlich windhundartig über den Startpunkt hinaus, der auch die Ziellinie sein könnte, fortzuschnellen. Erratisch ist anarchisch – und hat ein offenes Ende.
Was ist zwischen „er“ und „-ratisch“ geschehen? Die Schönheit liegt in eben jenem enigmatischen Moment, das man am besten gar nicht erst auflösen sollte. Erratisch ist wie Käfer im Spätfrühling oder Sommer. (von Benedikt Maria Arnold)

Farbrausch

Die intuitive malerische Aktivität mit Farbe. (von Sina Bucher)

Flügelschlag

Als ob ein Vogel, der, eben noch hoch oben, die Lüfte durchstreifte und dann sich zur Landung anschickte, schließlich mit einem letzten Flügelschlag an seinem Ziel Platz nähme, um sich bald darauf wieder zu erheben, so wirkt der K l a n g dieses Wortes mit seinen von Hell nach Dunkel absteigenden Vokalen ü - e - a , dem doppelten weichen 'g' und dem dreifachen 'l' auf mich als beschwingte Assoziation an Leichtigkeit und schwebende Verheißung von Freiheit, Ungebundenheit, Unabhängigkeit, von Grenzenüberwinden, fernen Ländern und Fernweh, Gedankenflug; aber auch die Mahnung schwingt mit vor der Gefahr der Hybris (Ikaros), des Zu-hoch-hinaus-Wollens, zu starken Ehrgeizes. Und natürlich fehlen Hermes und Pegasus nicht in dem Geflecht von disparaten Vorstellungen, die das ausmachen, was Schönheit für mich ist: die Harmonie des Verschiedenen, das Wagnis zum Anderen. (von Arnulf Höpker)

 

Föhnfische

„Naturgemäss“ gibt es bei den Blumennamen die allerschönsten Worte: Roter Hühnerdarm, Hustenbraut, Donnerbart beispielsweise. Auch auf dem Friedhof finden wir die tollsten Namen. Seit beinahe dreissig Jahren bin ich mit einem passionierten Geographen liiert, kein Ausflug vergeht, ohne dass er mir ein neues Wort beibringt: Hüle, geköpftes Tal oder eben Föhnfische. Ja, Fische schwimmen nicht nur im Wasser, sie fühlen sich auch am Himmel wohl. (von Elisabeth Weller)

Frauenminze

Vor einer Weile stieß ich zu später Stunde zufällig auf den Dokumentarfilm der französischen Filmemacherin Florence Lazar "Glaub nicht die Erde sei tot". Der Film erzählt von der malerischen karibischen Insel Martinique und ihrer Pflanzenvielfalt, die jedoch der Agrarindustrie – hier Bananenplantagen – zum Opfer fiel. Er erzählt von Biodiversität und von alter, tradierter Pflanzenmedizin, von den Ureinwohner*innen und ihrem traditionellen Lebensraum. In einer Szene zeigt und benennt eine Bäuerin und Heilerin in fast andächtigem Tonfall über 20 verschiedene Minzsorten. Ich war verzaubert von dieser Aufzählung. Eine davon war die Frauenminze, auch Bergamotte genannt. Beim späteren Recherchieren entdeckte ich, dass die Bergamotte auch im Garten meiner Mutter zu finden war. Meine Mutter war eine starke Frau, die ebenfalls versucht hat, ihr Leben in Einklang mit der Natur zu bringen, und die die Pflanzen aus ihrem Garten als Heilmittel nutzte. Frauenminztee gehörte zu unserem gewöhnlichen Kräutertee, den wir regelmäßig in den Abendstunde tranken. (von Johanne Mazeau-Schmid)

Frühlingswaldzartgrün

Lichtdurchflutete Grünexplosion, die mich einhüllt und heilt. (von Claudia Hellriegel)

 

Fernweh

Ganz stark im Moment. Die Lust nach dem Fremden und fernen, nach Reisen und Abenteuern, nach Strand, Berge, Wäldern, Städten und neuen Begegnungen. (von Katja W.)

Fledermaus

Der Griff zum Grimmschen Wörterbuch hilft, um die Etymologie des Wortes „Fledermaus“ zu entschlüsseln. Im Althochdeutschen flëdarmûsund danebenflëdremûstro, im Mittelhochdeutschen vlëdermûs, vlëdramûs,wird das Wort im Neuhochdeutschen zurfledermaus, hin und wieder ist auch von der federmaus die Rede. Da ist nun irreführend, denn Federn hat das mausähnliche Nachttier ja nun gerade nicht. Das Grimm’sche Wörterbuch enthüllt uns weiterhin folgendes: „fledermausbedeutet offenbar flatternde, schwirrende maus und kann nur aus den uns noch nicht ganz enthüllten formen des wortesflatternerklärt werden.“Und ist es nicht so? Wenn die Fledermaus abends ihre Kreise derart zieht, braucht man, unsicher ob nun Vogel oder eines dieser seltsamen Säugetiere, nur zu fragen, ob dieser Vogel fliegt wie betrunken. Falls ja, dann kann man sicher sein, es mit einem dieser Tiere zu tun haben, die mit den Händen fliegen, ziemlich alt werden, ihre Beute durch Töne fangen, hervorragend hören und schlecht sehen. Schön, wie Hölty ihr Flattern in einen Vers bringt, in dem die Zärtlichkeit, die man für die merkwürdigen Tiere empfinden kann, darüber zum Ausdruck bringt, dass er in derbem Ton gehalteten Petrarchischen Bettlerode das Wort im Diminutiv verwendet: „wär ich nur das fledermäuschen, / das um ihre mütze schwirrt!“Und schön auch, dass sie, die Fledermaus nun ihren Namen nicht entweiht sehen muss, indem man die krisenauslösende Krankheit eben nicht nach ihr benannt hat. (von Beate Tröger)

Frühlingserwachen

Ich erinnere mich kaum, das allmähliche Auftauchen der Frühlingsblumen und der Blätter und der Insekten und der Vögel so intensiv erlebt zu haben wie in den letzten Wochen seit der Kontaktsperre. Ich möchte bei dem Begriff nicht an das Theaterstück von Wedekind denken, sondern wortwörtlich an die Verwandlung der braunen Erde und der dunklen Bäume in das herrlich-helle Grün und Gelb und Weiß und Blau, an die Düfte und Stimmen der Tiere. (von Ursula Schmidtblaicher)

Frühlingsfrohes Vogelgezwitscher

Es bedeutet für mich die Sehnsucht nach dem Frühling, (von Birgit Rek)

gedankenblank

Eine hübsche Umschreibung für die kurzfristige gähnende Leere im Hirn, wenn einem auf eine Frage partout keine Antwort einfällt, schon gar keine schlagfertige. Für mich schwingt darin die Möglichkeit, ja geradezu die Zuversicht mit, die Tabula rasa im Oberstübchen könnte alsbald mit einem brillanten Ideen- und Sprachfeuerwerk bedeckt werden, das dem Gegenüber einen anerkennenden Pfiff entlockt. Manchmal lohnt sich das Warten. (von Susan Urban)

gemütlich

Ein deutsches Wort, das es in vielen anderen Sprachen nicht gibt (z.B. Englisch, Französisch), es muss immer umschrieben werden. Schon im Mittelhochdeutschen hatte das Wort die Bedeutung "wohltuend" - ich umgebe mich also mit Dingen, die ich schön finde oder mit Wohnraum, in dem ich mich wohlfühle.
"Gemütlich" ist auch etwas, das viel über unseren persönlichen "Glückszustand" aussagt und ob es in unserem Leben "schön" zugeht, - sei es in der eigenen Wohnung, die ich mir schön gestalte, zum Beispiel mit einer gemütlichen Leseecke, - im eigenen Heim, das für mich Geborgenheit bedeutet und das mir vor dem Alltag und der Arbeit im Leben eine Auszeit gewährt, - bis hin zu einer Gaststube (die wir in Coronazeiten nicht besuchen dürfen), in der ich mich gemütlich und gesellig mit Freunden treffen kann.
Auch jemand, der ein "sonniges Gemüt" hat, ist nicht etwa "naiv", sondern sieht die Dinge im Leben positiv. Das müssen wir in Corona-Zeiten leider immer wieder angestrengt versuchen. (von Katrin Engel)

Gedankenmusik

Gedankenmusik ist ein literarisches Wort. Klanglich überzeugt es durch seine melodiöse Lautstruktur mit einer ausgewogenen Buchstabenfolge. Bis auf das o sind alle Vokale versammelt, die vorwiegend weichen Konsonanten erfahren durch die zwei k-Laute einen markanten Schliff. Inder Buchstabenmelodie hört man das Bezeichnete mitschwingen. Semantisch erinnert das Wort an den Heidegger-Satz, dass wir keine Gedanken haben, sondern dass die Gedanken zu uns kommen. Sie sindein Grundgeräusch des Daseins – in allen Modulationen. In ihrem Kommen und Gehen spiegeln sich die Auf- und Abschwünge eines Klangbilds. Aber auch die Buchstaben kennen mit der literarischen Technik des Anagramms ein Verfahren, bei dem sie ihre angestammten Plätze verlassen und einen neuen Ton anschlagen. Dann wird aus Gedankenmusik / kundige Masken. In ihrem Spiel können wir die Partiturerahnen, die der Bewegung der Gedanken zugrunde liegt. (von Stephan Krass)

Grillengesang

Zögernd einsame Schläge der Initiatorin,
zittrig-vibrierende kleine Trommeln in der Wiese,
ruhig-schnarrende Hochtöner aus der Ferne,
schreiend Symphonie,
fallende Sterne vor einem Klangvorhang. 
Gesang der besonderen Art. 
Gelassen – ausgelassen – ein bisschen von diesem und jenem. 
Reibung mit Entladung der Nacht. 
Das geht gut zusammen mit brutzelnden Fleischbrocken auf glühender Holzkohle. 
Grillen. Gesang.
(von Marion Reich)

Ha

Im Deutschen gibt es wunderschöne Endloswörter, mit deren Erfindung man ganze Tage zubringen kann. Gänseblümchenblätterränderrosa zum Beispiel. Oder Wörter, die jeder versteht, auch wenn keiner so recht weiß, wie man sie wirklich schreibt: Bohei, Buhei, Bohay, Bahöl. Tamtam und Trara eben, Geschiss, Gedöns, Gewese und Getue. Doch nichts ist so schön wie die Halbwörter, die Ein- bis Dreibuchstabengebilde, die uns den Mund rund, breit, hoch oder spitz werden lassen, bei denen wir von Fall zu Fall auch unser ganzes Gesicht verziehen: O, I, U, Ach, Aha, Aua, Owe, Hä und eben Ha. Was kann in einem „Ha“, vor allem einem schwäbischen, nicht alles stecken. Man kann es schnell oder langsam aussprechen, als Ausruf oder Frage, mit Gedankenstrich oder Auslassungszeichen oder mit ebenso kurzen Partnerwörtern. Ha .... – Ha ja. Haha Ha noi. Ha! Ha? Ha, igitt. Ha, au. Ha no. (von Heike Gfrereis)
PS: Die allerschönste Einführung ins schwäbische „Ha“ gibt Harald Schmidt (Sprachkurs Schwäbisch) >

Habseligkeiten

Das ist der kümmerliche Rest von was auch immer, und dennoch ein Wort voller Hoffnung; es ist doch noch irgendetwas da, ganz undefiniert, aber vor allem, darin steckt eine Seligkeit, die das Wenige überglänzt, es kostbar und teuer macht. Die Armut ist weggewischt. (von Lerke von Saalfeld)

Honigtage

Meine Nachbarn und nicht nur die würden mich vermutlich seltsam ansehen, wenn ich ihnen morgens einen „honigreichen Tag“ wünschte.  Hä? Arbeitet der jetzt für Langnese?
Dabei haben Honigtage nicht klebriges, nichts zuckersüßes.
In Kairo ist mir das immer wieder gewünscht worden von Menschen, die es gut mit mir meinten. Es ist der Wunsch, der Gegrüßte möge einen besonders kostbaren Tag haben, einen, an dem die Geschäfte gelingen, ein Tag ohne Ärger; denn Honig ist etwas Teures und Edles in diesen heißen Regionen, in der sich die meisten Menschen höchstens Zuckersirup leisten können. Pharaonen machten die Biene schon vor gut 5000 Jahren zu ihrem Wappentier.
Wenn nun ein mir Wohlgesonnener „Sabah al Assel“, „einen Tag wie Honig“ wünschte, musste ich natürlich gebührend antworten, wenn möglich ihn übertreffen. Also wünsche ich ihm „Sabah al nur“, „einen lichtvollen Tag“.
Er kontert schnell: „Sabah al full“, „einen Tag wie Jasmin“.
Mir fällt nur noch ein: „Sabah al ward“, „einen Tag wie Rosen“.
Damit beenden wir unser Begrüßungsspiel und gehen lachend auseinander.
Ein so begonnener Tag kann nur gut werden. Also wünsche ich allen einen Honigtag. (von Jörg Armbruster)

hīnātore

In der Sprache der Māori, der indigenen Bevölkerung Neuseelands, kann hīnātore sowohl ein unregelmäßig flackerndes Licht, ein phosphoreszierendes Leuchten und Schimmern bezeichnen als auch eine erleuchtete, weise Person. Geschenkt bekommen habe ich diesen Begriff von der neuseeländischen Schriftstellerin Keri Hulme, die in einem achteckigen Turm am Meer lebt, und Magie und Sprache einzigartig verwebt: In ihrem Roman "Unter dem Tagmond" bezeichnet sie damit "das Leuchten zwischen den Dingen". Aufscheinen kann es überall- an Randzonen des Alltäglichen, im Spülsaum der Wunde, in der Brüchigkeit des Vertrauten, in Verzweiflung und Schmerz - etwas Außergewöhnliches, Unerwartetes, zwischen den Dingen, in uns. (von Ulrike Bohnet)

Handschmeichler

Es sind die kleinen Bücher (z.B. btb), die ich sehr liebe. Ich finde es schön, sie in der Hand zu halten. Sie passen in jede Tasche, sind leicht, und es sind gute Bücher. Lesen ist meine Sucht. Und so freue ich mich immer, wenn ich einen neuen entdecke - einen Handschmeichler! (von Elke Volpp)

Halbschatten

Für einmal ist «halb» perfekt, nicht pralle Sonne, nicht Schatten, angenehm dazwischen. Gibt es Halbschatten woanders als unter einem Baum? Das rascheln der Blätter, die wärmende Sonne, das Schattenspiel. Im Halbschlaf wandern die Gedanken, Geräusche dringen ans Ohr. Im Halbschatten ist die Welt in Ordnung. (von Werner Liechtenhan)

Hortisilur

Ich bin glücklich, wenn ich über ein Wort stolpere, das nicht gleich eingeordnet, instrumentalisiert, auf eine Bedeutung festgelegt werden kann. Ein Wort, das ein eigentümliches Licht aussendet am Ende einer rätselhaften Folge von „17 Formeln“, in einem Gedicht von Günter Eich. Da steht es voller Grazie und schaut mich an und bewahrt sein Geheimnis: „Hortisilur“. Zwei Elemente mögen darin enthalten sein: „hortus“, der Garten, den ich mir in diesem Zusammenhang als einen japanischen Steingarten von strenger Schönheit vorstelle – und „Silur“, das Erdzeitalter, das seinen Namen, behaupten meine Lexika, von den „Silurern“ hat, einem kriegerischen Stamm aus der Eisenzeit. „Hortisilur“ aber ist friedlich, begnügt sich mit drei Vokalen und verspricht mir einen locus amoenus, an dem ich aufatmen kann. (von Michael Braun)

himmellingg

etwas läuft total falsch = links vom Himmel. (von Roland Zoss)

Himmelswasser

Als ich einem Freund in den USA vom ausbleibenden Regen bei uns schrieb, rutschte mir plötzlich das Wort „Himmelwasser“ in die Mail anstelle des „Regens“...... Ich war selbst erstaunt und finde, dass Himmelswasser vielerlei Konnotationen hat... es beinhaltet auch eine Art Segen für die dürstende Natur und sagt mehr aus als einfach „Regen“. (von Eri Gerbig)

huschelig

Den Traumenzucker in das Kissental verschteckt habe ich verschlungen wie Lebenkuchen nach dem Abendbrot. Verkleidet mit einem Nachtanzug ging ich ins Bett. Die Decken haben wie Wellen getanzt. Im Wasser der Nacht bin ich geschwommen. Es war ganz huschelig. (von Nathalie Wolff)

Jux

Im Ohr direkt ein glucksendes Kichern. Kein Wunder, dass sich diese Verballhornung des lateinischen „Iocus“ für Scherz durchgesetzt hat. Klingt einfach viel lustiger – und gibt mehr Punkte bei Scrabble. Übrigens auch als Verb verwendbar: ich juxe, du juxest, wir juxen … (von Katharina Knüppel)

Katzengeschmeidigkeit

Weil ihr geschmeidiger Gang, wie gelöst sie daliegt beim Ruhen oder Schlafen, sie meditiert und ist ganz in sich versunken, vollkommen natürlich. (von Renate Schneider)

Knabenblütenträume

Ich mag das Wort Knabenblütenträume, aber noch lieber wären mir Mädchenblütenträume, wenn sie reiften. (von Lerke von Saalfeld)

Lachfalten

Lachfalten geben dem Gesicht einen fröhlichen Ausdruck. Sie entstehen durchs Lachen. Wer welche hat, gilt als fröhlich, offen und freundlich. Sie verleihen dem Gesicht eine positive Ausstrahlung und wirken sympathisch. Wer ständig breit grinst oder häufig schmunzelt, wird irgend wann genau diesen Ausdruck dauerhaft im Gesicht haben. Lachfalten sind Zeugen, des gelebten Lebens, dem man ins Gesicht lacht. Mir gefallen nicht nur Lachfalten, ich wünsche sie mir auch. Was mich daran sprachlich besonders fasziniert, ist diese Gegenläufigkeit der Wortzusammensetzung. Falten wollen zumindest viele Frauen nicht. Dagegen gibt es unzählige Produkte, die dabei helfen sollen, Falten zu vermeiden, sie zu übertünchen oder sie zu straffen. Wer will denn schon alt aussehen? Lachen hingegen ist überaus positiv besetzt. Das erste Lachen eines Babies entzückt dermassen, dass man es immer und immer wieder hervorrufen möchte. Lachfalten sind das Produkt unseres Lebens, wenn wir es schaffen, ein Stück Kinderlachen zu bewahren und mit Humor und Schalk in den Augen auf den Ernst des lebens zu schauen. (von Barbara Hoibi)

Litfaßsäule

Ein Wort, das sich erlaubterweise der neuen Rechtschreibung widersetzt. So muss es nicht zur „Litfasssäule“ mutieren, was ihm ein ganz anderes Gesicht gäbe. Denn da der Name ihres Erfinders, des Berliner Druckereibesitzers Ernst Litfaß, vor orthografischer Nachbesserung gefeit ist, darf seine Säule sich weiter so schreiben, wie sie sich immer schrieb. Ein Wort, das zu seinem Gegenstand wunderbar passt, zu diesen rundlich-behäbigen Säulen, die die Gehwege auflockern und zum Versteckspiel reizen. Sie klären mich über Konzerte und Ausstellungen auf, von denen ich sonst nie erfahren hätte. Ich umkreise sie langsam und widerstehe selten der Versuchung, zärtlich mit der Hand über die sorgsam aufgeklebten Plakate zu streichen. Ein schönes Objekt, ein schönes Wort – ein Einklang. (von Rainer Moritz)

Malheureusement

Das ist das einzige französische Wort, das mein früherer Lebenspartner kannte, wenn er gefragt wurde. So unglücklich es ist, so wunderschön, weich und ausgedehnt klingt es gesprochen. Das macht das Unglück irgendwie weniger. (von Hilke Langer)

Morgentau 

Eine tiefe Ruhe, wenn man morgens früh aufsteht, rausgeht und diese durchsichtigen Perlen auf Gras sieht. 
Wenn man dann mit der Fingerspitze einen Grashalm berührt und der Tautropfen über den Finger rinnt, kann der Tag beginnen. (von Anna Sophie Born)

Morgentauziehen

Ein hin und her um die Aussichten des kommenden Tages. (von Ernst Wäspe)

Morgengruss

Vom Ernst der frühen Stunde. 
(von Ernst Wäspe)

Meine Tochter

Ich musste lange warten, bis ich ein Kind bekam. Heute ist meine Tochter 14 Jahre alt, und noch immer gehört die Fügung “meine Tochter“ für mich zu den schönsten Wörtern des Deutschen. „Meine-Tochter“ ist ein Liebesname. Ich sage dies nicht, weil ich die so Gerufene damit in Besitz nehmen möchte (das tut man gewiss auch, aber stärker mit anderen Mitteln), sage es also nicht, um das „meine“ zu betonen. Schön ist das Meine-Tochter Wort, weil es einen Raum öffnet – eine Zugehörigkeit in die Luft spricht, eine tiefe und lebenslange Beziehung, die selbst auch Raum gibt, weil sie eben doch aus zwei Wörtern und nicht nur einem besteht. Das Wort ist ein Name, ein Versprechen, eine Ein-Räumung – ein Zwei-Wort, das zwei Personen umfasst und eine zugewandte Art und Weise des Sprechens darstellt. Ein Wort auch, das handelt –  und sich mit allen Tonfällen der Frage und Aussage, des Zweifels, des Werbens, des Rufens, des Sorgens, des Einstehens füreinander verbinden lässt. (von Ulrike Draesner)

Nasobem

Eines meiner Lieblingswörter, das für mich Schönheit und Anmut symbolisiert, stammt von Christian Morgenstern, dessen bildreiche, fantasievolle Sprache ich sehr liebe. Er erfand ein Tier namens "Nasobem", ein wunderbares Wort, das eine Vielzahl von Bildern entstehen lässt. Wie sieht denn ein Tier aus, das sich auf seinen Nasen fortbewegt und dabei die Balance halten kann? Das "Nasobem" muss artistisch veranlagt sein; außerdem lässt es sich wohl nicht so leicht aus der Ruhe bringen, wenn es würdevoll "schreitet".
Es fand dann sogar Eingang in "Meyers Großes Taschenlexikon" und wurde von dem Zoologen Gerolf Steiner unter dem Pseudonym Harald Stümpke wissenschaftlich erforscht: "Bau und Leben der Rhinogradentia" (1961).
'Eine vergleichbare schöne Wortschöpfung wäre auch Loriots legendäre "Steinlaus" (mit Eintrag und Forschungsgeschichte im "Pschyrembel"...).

Das Nasobem
Auf seinen Nasen schreitet
einher das Nasobem,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.

Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.

Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobem.
 

aus: Christian Morgenstern. Gedichte in einem Band. Frankfurt a.M.: Insel, 2004. S. 38f.

Aus momentaner Sicht stellt sich die Frage, ob das Nasobem auch mit Gesichtsmaske so unbekümmert in der Öffentlichkeit herumlaufen könnte, oder ob die Maske (oder Masken, je nachdem) herunterrutschen würde. (von Karin Schmöger)

 

Nabel

Nicht unbedingt der Nabel der Welt, sondern ein Bauchnabel, meiner und Deiner. Wo wir an der Mutter waren. Und diese Verbindung zurück bis zu den ersten Menschen. In manchen Bildern von Cranach, bei Eva, fast wie ein Spiralnebel ... Warum Eva überhaupt einen hat? Weil es schön ist! (von Nikolai Vogel)
 

noch

Ist eines meiner Komplizenw:orte. Noch. Es schenkt mir Entschiedenheit und Zuversicht. Ob Partikel, Konjunktion oder Adverb. Mich reizt das Ungebändigte seines Charakters. Ein Wort, das alle mir bekannten und unbekannten Zeitbegriffe in sich birgt und zu entfalten vermag: Jetzt-Vergangenheiten; augenblickliche Gegenwartsorientierungen; heutzukünftige Perspektiven. Ins Freie der Gedanken und Gefühle gebündelt. Gehört dieses NOCH zur Sprache der Schönheit? Zur Inventur eines poetischen Präsens? (Presente! Im Kastilischen wird so der Toten gedacht.) Oder gehören die Noch-Geschichten und das Narrativ des Aufbegehrens zur wir-realen Sprache einer zärtlichen Hoffnung? Und damit doch immer auch zur widerständischen Sprache der Schönheit? Hoffnung ist ... noch-schön. 

Ich habe m:einem Liebw:ort ein Gedicht gewidmet: >

(von José F.A. Oliver)

Ombra (italienisch)

Der Schatten (sembrare l’ombra di se stesso – wie der Schatten seiner selbst aussehen); der Verdacht, Argwohn, Zweifel; die Verdüsterung, Finsternis; der Schutz, der Schirm (vivere nell‘ ombra – in der Verborgenheit leben) – meldet ein Dizionario Italiano-Tedesco. '
Eine Ombra ist ein Glas Weiß- oder Rotwein, das man zur Stunde des Aperitifs zu sich nimmt, um sich von der Mittagshitze zu erholen – meldet Alessandra de Respinis, die Patrona der venezianischen Weinhandlung „Al Bottegon“.
Ombra mai fu…, ist der Beginn einer hinreissenden Arie aus Händels Oper „Xerxes“, die Cecilia Bartoli auf einem Youtube-Video in den Gärten Roms singt. Seit ich sie zum ersten Mal mit dieser Arie gehört habe, höre und sehe ich „Ombra“: Den Schatten einer Platane, in dem man ruht, die Welt draußen vergisst und einem Vers nach dem anderen folgt… (von Hanns-Josef Ortheil)

Osterglocke

+ das helle Gelb der vollkommenen Blüte, wenn die Sonne des Frühlings durchscheint, erfreut das Auge (nach dem Winter)
+ Farbtupfer im Grünen – egal, ob im Garten oder wild
+ jede Pflanze steht einzeln für sich, aber diese dann doch in Gruppen (wie jeder Mensch für sich alleine steht, aber auch in Interaktion mit anderen)
+ der Namen „Osterglocke“ assoziiert bei mir - „Ostern“, „Erwachen“ (des Frühlings), „Auferstehung“ und – „Glocke“ = „Wecken“, „Wohlklang“ – auch wenn das Amaryllisgewächs andere Namen wie „Narzisse“ oder „Märzenbecher“ trägt und eigentlich giftig ist. (von Wiebke von der Foehr)

Perlfluss

Lichtreflexe auf dem Wasser glänzen wie Perlen. Eine Verlockung, das klare Wasser könnte kostbare Perlenschätze bergen. Der Fluss existiert real und in chinesischer Literatur. (von Corinna Jäger-Löhnert)

Poesie

Schönheit der Worte
in gewollter Reduktion
zu allen Zeiten
(von Manfred Bartsch)

Pfingstrosenblüte

Nur kurze Zeit im Garten und auch in den Blumengeschäften - zartes Rosa bis sattes Dunkelrot, eine unermessliche Blütenfülle mit ganz leisem Duft - Schönheit durch Seltenheit verstärkt......(von Gabriele Tietz)

 

Radiostimme

Wenn mich eine warme, ruhige und klare Radiostimme begleitet, kann ich die Augen schliessen und fühle mich wohl. Fast ein bisschen so, als wäre die Stimme, die aus dem Lautsprecher ertönt, eine angenehme Bekanntschaft oder ein guter Freund, die oder der mit mir zuhause am Küchentisch sitzt und mir eine spannende Geschichte erzählt. (von B.)

Regenbogenfarben

Weil Regenbogen mit ihren bunten Farben die Welt bemalen, Herzen öffnen und den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. (von Simone Sutter)

rühmen

Ich bin verliebt. Seit einigen Monaten schon - und die Freude darüber und das Glück verdichten sich zunehmend. Dass es Dinge an mir gibt, die angeblich nicht nur bemerkt, sondern sogar „gerühmt" werden wollen - die Form meines Mundes, das Strahlen der Augen, die warme dunkle Stimme - lässt mich staunen. Bisher gab es dieses Wort für mich nur in biblischen Versen, vielleicht noch an Königshöfen oder in mittelalterlichen Epen. Indem ich „gerühmt“ werde, strahlt der Glanz dieser fernen Welten herüber zu uns. Rühmen - was für ein schönes Verb. (von Katharina Wetz)

Regenbogen

Der Regenbogen ist etwas ganz besonderes und man sieht ihn nur selten. Er Repräsentiert die Schönheit der Natur, das Wechselspiel zwischen Sonne und Regen. (von Marlen Weinbrenner)


Regenguss, fast Regenkuss und nährt den Fluss. Ich finde, Regen ist etwas unglaublich Schönes, angefangen bei seinem beruhigenden Prasseln, der Geruch, bis hin zu barfuß in Pfützen stehen. Er hat etwas Reinigendes und Erlösendes, vor allem nach Dürren, wenn Felder am Dorren und die Flüsse am Husten. Dann füllt er wie in Gussformen gegossen, die leeren Flussbetten wieder auf. (von Felicitas Kaiser)
 

Regenguss,

fast Regenkuss und nährt den Fluss. Ich finde, Regen ist etwas unglaublich Schönes, angefangen bei seinem beruhigenden Prasseln, der Geruch, bis hin zu barfuß in Pfützen stehen. Er hat etwas Reinigendes und Erlösendes, vor allem nach Dürren, wenn Felder am Dorren und die Flüsse am Husten. Dann füllt er wie in Gussformen gegossen, die leeren Flussbetten wieder auf. (von Felicitas Kaiser)

 

Sammetglanz

Thomas Mann: „Tonio Kröger“: „Aber dort, wo hinter den Wolken die Sonne stand, lag auf den Wassern ein weißlicher Sammetglanz.“ Ein Wort, in unserer Sprachlandschaft verschwunden, das buchstäblich von innen heraus leuchtet! (von Erwin Pischel)

Schmiel

[ʃmiːl], Subst., der, m., selten auch das, n., 1. muskischer Lichtperlenzug, abgeleitet aus der Beobachtung des Aufstiegs der Starlink-Flotten in den Orbit (wohl zu → Schmiss und →Schmiele); 2. sternartiger, heller Kryptonglast am Nachthimmel bzw. sein spezifisches, artifizielles Weißleuchten, 3. die Erhabenheit desselben (bzgl. Höhenmetern, Entfernung und der unabsehbaren Auswirkungen auf die Zukunft), 4. ein glänzendes Verhängnis, 5. dessen leuchtende Schönheit
schmielen, Verb, I. in der Wendung ‚sich einen Schufut schmielen‘: sich vergeblich über die Schönheit der Vergeblichkeit beugen; II. a. österliches Schnäbeln von Schützlingen der Neopullarier trotz Abstandsgebots samt der auspicisch erquicklichen Folgen; b. damit verwandt, ein Kinderspiel: das Verkogelmogeln von Heiligtumseiern → frienchen (Pulcher-Grabius), III. (zu → Schmiel) aus astronomischer Perspektive: Netzhenken → Musking, die (kryptonische) Vermuskung des Alls (von Dagmara Kraus)

Schnuppe

Das letzte Ende, in schönster, glühendster Form. Der verkohlte Kerzendocht, den die Lichtputzschere abnimmt. Eine Lichtschnuppe, eine Sternschnuppe. Alles schnuppe? (von Martin Bruch)

se retrouver

Ein französisches Reflexivverb, das schwer übersetzbar ist: sich treffen wäre zu banal, sich verabreden überbestimmt, sich wiederfinden passt auch nicht, denn bei „se retrouver“ hat man sich auch nicht verloren. Se retrouver, das heißt, man erkennt sich in der Menge vor dem Theater, man lächelt sich zu, wenn die Blicke sich kreuzen, wenn der Faden, der für einen Tag oder mehr unterbrochen wurde, wieder aufgenommen wird. Ein flüchtiger Moment des Glücks, der nichts an Intensität einbüßt, auch wenn man ihn zum tausendsten Mal erlebt. (von Jean-Baptiste Joly)

Shir ha-Shirim

Eigentlich sollte man die Verse auf Hebräisch, meiner Muttersprache, zitieren, denn die stammen aus dem Alten Testament. „Da, du bist schön, meine Freundin“, so beginnt König Salomon seinen Lobpreis auf die Schönheit der Frau im Hohelied (Hebr.: Shir ha-Shirim, eigentlich „Gesang der Gesänge“). Und weiter in Bubers Übersetzung: „Du bist schön. Deine Augen sind Tauben, hinter deinem Schleier hervor, dein Haar ist wie eine Herde von Ziegen, die vom Gebirge Gilad wallen“. Mit dieser Verortung des Schönen, der Verbindung der ästhetischen Wahrnehmung und des Weiblichen, ist die Aussage verknüpft, dass das Schöne nicht erkannt, sondern empfunden werden muss. (von Anat Feinberg) 

sich hintersinnen  

grübeln um hinter den Sinn hinter dem Sinn einer schwierigen Situation enträtseln. (von Roland Zoss)

 

 

 

 

Sonnenstrahl

Ein Sonnenstrahl am Morgen, der mir Wärme schenkt und eine wärmende Umarmung ersetzt, wo sie zur Zeit so selten möglich ist. (von Angelika Stegmann)

Sonnenwirbel

Dieses Wort für die Blüte des Löwenzahns habe ich erst kennengelernt, als ich vor ca. 40 Jahren aus Nordhessen nach Württemberg kam, meine schwäbische Schwiegermutter machte mich damit bekannt. Ich fand es so treffend, diese leuchtend gelbe, der Sonne zugewandte Blüte mit ihren vielen, tatsächlich wie ein Wirbel angeordneten Blütenblätter als Sonnenwirbel, vielleicht sogar als Sonnenwirbele, zu bezeichnen.

Allerdings spricht für die schwäbische Dialektik, dass es auch einen sehr abwertenden Begriff für diese Allerweltsblume gibt: "Bettsoicher" = Bettnässer, wegen des weißlichen Saftes in den Stielen, die Flecken auf Kleidern verursachen, worüber Mütter, wenn ihre Kinder damit spielen, nicht erfreut sind. Oder ist es eine harntreibende Wirkung des Tees? Auf jeden Fall zeigen diese unterschiedlichen Benennungen, welche gefühlsmäßige Bandbreite die schwäbische Sprache zur Verfügung hat. (von Ursula Schmidtblaicher)

 

Saumseligkeit

Die Verbindung von selig mit (ver)säumen, das 'Langsamsein bei der Ausführung von Tätigkeiten', in diesen Wochen für mich, da fast ohne Termine und Zeitdruck, ein schönes Wort und ein schöner Zustand. (von Andrea Nagel)

schaurig-schön

Mit diesem Wort, das sich vor langer Zeit nach der Lektüre des Romans „Die Asche meiner Mutter“, geschrieben von Frank Mc Court, ein-stellte, hat es Doppeltes auf sich, nämlich an und in sich.Fasst es nicht nur eine ambivalente, gleichermaßen existentielle Eigenschaft, welche lautlos im tiefen Wörterozean vor sich hin wappt.Ein schaurig-schönes Empfinden wird sowohl durch schöne als auch weniger schöne Eindrücke entfacht und webt so unermüdlich am Regenbogenteppich des Seins mit.Schaurig-schön: ein schlichter, leiser, ja schwebend-schwerer Oberflächenausdruck, der Erlebtes zu umreißen sucht und seine Wirkmächtigkeit beim Sprechen, Schreiben, Lesen kraftvoll, wie von selbst, entfacht.Die Wortkonstellation veranschaulicht Zweifaches, immer schon Zusammengehöriges: Sie beschreibt eine Erfahrung, die sich in einem ihr gemäßen, ur-eigenen Wort ergießt. (von Sonja Ilgenfritz)

Schluwibbi

Dieses Wort habe ich selbst erfunden, und zwar in einem Traum. In diesem Traum war ich das Oberhaupt einer in prekären Verhältnissen lebenden Großfamilie. Geld kam nur durch Glücksspiel rein. Als ich mich mal wieder aufmachen wollte, um zu spielen, verkündete ich am Esstisch: „So Leude, ich besorg uns ers ma ordentlich Schluwibbi.“ Seit diesem Traum ist Schluwibbi mein Wort für vom Munde abgespartes Geld, das ich für Dinge ausgeben kann, die mir Freude machen (dafür gibt’s auch eine Schluwibbi-Kasse) sowie für Süßigkeiten („Haben wir noch Schluwibbi im Schrank?“). Außerdem repräsentiert Schluwibbi eine Art von Schönheit, die man zum Beispiel im Gesicht von Alfred E. Neumann findet. (von Tilman Rau)

Schneedecke

Sie ist weich, fängt einen auf, sinkt ein, ist so zerbrechlich und schützt dennoch. Man spürt Kälte aber gleichzeitig auch Lebendigkeit, wenn man langsam einen Finger durch die weiße Schicht stößt. Das Wort klingt genauso, wie das Gefühl, das man empfindet, wenn man sich in den Schnee fallen lässt. (von Anna Sophie Born)
 

Sehnsuchtslichtblütenblau

Schönheit liegt einer subjektiven Empfindung zugrunde. Es sind Gefühle. Geräusche sind schön, Gerüche und am Ende ist es doch die Färbung, eine Farbe, die alles in das schöne Licht rückt. Für mich ist all das zu finden in der Natur. Aber alles Schöne ist nur schön weil es vergänglich ist. Weil es Momente sind, die es so wertvoll machen und weil das Verlangen danach die empfundene Schönheit steigert. (von Johanne Staege)

Schokovanilleschleckeiswaffel

Das Eis wird aus Eisbottichen herausgelöffelt und satt, üppig und überbordend auf die Waffel gedrückt. Alles quillt über und muss sofort abgeschleckt und weggeleckt werden. Purer Genuss. (von Claudia Hellriegel)

sich aufbrezeln

Hat nichts mit der Laugenbrezel zu tun. Der Ausdruck meint im engeren und ausgeweiteten Sinn übertriebene Kosmetik, aber auch übertriebene, und nicht der Situation entsprechende Kleidung, sich aufreizend zur Schau stellen, um vor allem die Blicke des anderen Geschlechts auf sich zu ziehen. Ähnliche Bedeutung: „sich auftakeln“. Eine weitere umgangssprachliche Formulierung: „Die, Der hat alles im Schaufenster und nichts im Laden.“ Nur das Äußere zählt. (von Doris Keck-Breuning)

 

sich spreuzen

In jedem Verb steckt ein Tun, und im „sich spreuzen“ sogar ein Zutun. Es ist nah am „sich spreizen“, aber im Gegensatz zu dessen defensiver Geziertheit schafft es einem Unliebsames vom Hals, wenn auch ungleich schonender als beim Schnäuzen. Ähnlich der Spreu, die beim Dreschen auffliegt. Am besten stellt man sich vor, wie ein kleiner Vogel sich sträubt und sein nasses Gefieder wieder und wieder schüttelt bis es trocken ist. Das und der Geruch nach Brühwürfeln, der vom Gefieder der Vögel bis zu den nassen Haaren kleiner Kinder der gleiche ist, machen die Bedeutung dieser Geste für alle erfahrbar. Man ist danach in einem anderen Zustand, man fühlt sich erleichtert, unbeschwert, und hat das selbst geschafft. Sich zu spreuzen ist ein ganz und gar natürlicher Vorgang. (von Kerstin Preiwuß)

Solitude

Die Schönheit ist einsam geworden.
Man hat sie auf das Altenteil gesetzt,
Sie zum alten Eisen gelegt.
Wozu geschwungene Balustraden?
Gerade tun es auch!
Warum verschwenkte Treppenläufe?
Welch ein Aufwand!
Brauchen Pilaster Kopf und Fuß?
Sie halten auch so! 
Deckelvasen am Eingang? 
Stehen nur im Weg!
Triglyphenfries unter’m Dachrand?
Ein Leerband ist übersichtlicher! 
Kuppel und Walmdach?
Flach ist einfacher! 
Bögen über Türen und Fenstern? 
Sammeln nur Taubenkot!
Rundbögen im Sockelgeschoss? 
Zu viel Umstand!
Die Schönheit ist nicht mehr gefragt,
man hat sie im Altenheim untergebracht. 
Komfortabel ist es. 
Man kommt auch sie besuchen.
Draußen im Leben aber will man sie nicht. 
Einsam steht sie auf der Bergeshöh,
schaut verwundert in die Tiefe, 
wo die Wände nackt
und nur noch rechte Winkel sind.                           (von Klaus Heitmann)

todeln

Etwa "es todelt", ein Hauch des Todes umweht einen Menschen oder eine Gesellschaft bzw. der Tod kündigt sich an, auf jeden Fall ein dynamischer Prozess zwischen Leben und Tod, bei dem beide Extreme, die meist dichotomisch gedacht werden, nebeneinander und in Verschränkung miteinander existieren. Beispiel: "Während der Cholera-Epidemie im Jahre 1892 todelte es überall in Hamburg. (von Ilija Trojanow)

Tuch

Ist in meinen Ohren ein zauberhaftes Urwort, weil es mit einem klaren Plosiv beginnt. Als flöge eine weiße Stoffbahn schlagartig in die Waagerechte, wenn jemand zum Beispiel ein Bett bezieht. Und weil dem Platzgeräusch zu Beginn die weiche Ebene eines dunklen Vokales, und ein kantenloser Fließlaut zum Abschluss folgen. Mehr nicht.
Wenn ich dieses Wort höre, muss ich an ein ganzes Gedicht denken, das ich einmal auswendig gelernt habe: "Das weiße Bett" von Georg Britting. TUCH kommt in diesen drei alkäischen Odenstrophen kein einziges Mal vor, und doch handelt dieses Wintergedicht von nichts anderem. Vom Schlafen und Verstecken, vom Schnee und vom Jagen handelt es.
Da ich es vor Urzeiten auswendig gelernt habe, sagt mir dieses eine Wort TUCH heute soviel wie Brittings ganzes Gedicht - das ich immer noch gerne habe. (von Peter Hauff)

Tschinggen

Das Wort stammt von italienisch cinque «fünf» und geht auf den im norditalienischen Spiel Morra oft vorkommenden Ausruf cinque la mora zurück. Von Schweizern in den 1960 Jahren gebraucht, galt es als Schimpfwort gegen die Gastarbeiter.
Für mich hat es mit Heimat (zwei Herzen in meiner Brust), Stolz und Verbundenheit zu tun. Es erinnert mich an meinen Vater, Bauernsohn und Gastarbeiter aus einem Bergdorf (Borno) in Norditalien. (von Diego Gheza)

und

Alleine das „und“ vermag es, alle möglichen und unmöglichen Dinge miteinander zu verbinden. Rhabarber und Erdball. Alleinsein und Rutschbahn. Mut und Maulwurf.
Das „und“ schliesst die Lücke und ist gleichzeitig Platzhalter für unsere Fantasie. Das „und“ wertet nicht, es stellt einfach eins neben das andere. Dank dem „und“ können wir ewiglange Schlangensätze bilden. Das kleine „und“ ist der Schlüssel zur Unendlichkeit. (von Selma Balsiger)

Verwandlungskünstlerin

Ist ein Wort, welches mich hoffen lässt. Der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer hat „ Europa  als solche bezeichnet. So nah neben Kriegszerstörung und neuer Hoffnung liegen der 8. und 9. Mai: das Ende des Zweiten Weltkrieges, das sich zum 75. Mal jährt und die mutige Initiative des französischen Außenministers  Schuman vor 70 Jahren, nämlich die Schwerter Kohle und Stahl zum Anfang des gemeinschaftlichen Handelns in Europa zu formen. Damit Corona in den Nachwehen der Finanzkrise nicht den Anfang vom Ende Europas wird, reicht es nicht, die  Absatzmärkte und Lieferketten wiederherzustellen. Der nationale Eigensinn muss sich wieder in Europäischen Gemeinsinn verwandeln. (Susanne Weber-Mosdorf)

verquemt

Ein Adjektiv für die Satten, beispielsweise eine verquemte Gesellschaft, noch zu reflektiert, um es sich lediglich bequem zu machen angesichts anderer Großlagen, aber eben auch nicht frei von Ignoranz. Der verquemte Mensch ist kein Nichtsnutz, er glaubt nur zu wissen, alles nutzt nichts. (von Hauke Hückstadt)

vogelwild

Ist ein Wort, das ich bislang nur von meiner Mutter gehört habe, meistens angesichts eines größeren Durcheinanders - „Hier sieht’s ja vogelwild aus!“ oder einer lustigen Frisur. Dieses Frühjahr sind wir es, die häufiger als sonst vogelwild sind - an langen Gartentagen, an denen wir uns nur nach der Sonne richten, im Wald, auf der Wiese, in ein Projekt vertieft oder auch nicht, die Hände im Beet, die Füße im Teich. (von Silvia Glöckner)

 

Wanderlust

Nie war sie größer als diesen Mai.
(von Kathrin Hartmann)

Winterlicht 

Eine selbstgebastelte Laterne beim Martinsumzug, eine brennende Kerze im warmen Haus, eine Straßenlaterne frühmorgens, ein Mensch, ein Tag, ein Lachen in einer dunklen Zeit...oder schon das Wort selbst, das unglaublich weich klingt. (von Anna Sophie Born)

wildfremd

Ein Wort, das mir in meiner Kindheit häufiger begegnete als heute. In den sechziger Jahren klang es für mich etwas bedrohlich, unberechenbar und beschrieb etwas völlig Unbekanntes, etwas, was noch mehr als nur fremd war. Wenn ich heute, mit geschlossenen Augen, an wildfremd denke, dann entstehen magische Bilder in meinem Kopf von Landschaften, Flora und Fauna und unbekannten, kriegerischen Kulturen; wild und fremd. Abenteuerlust, ja auch Sehnsucht werden in mir geweckt und im Hinterkopf meldet sich zart die Lust einen Nervenkitzel zu spüren. (von Susanne von Borstel)

 

 

 

Wunderschönheiterkeit

Sie wundern sich über dieses Wort? Es ist die Schönheit selbst in neuem Gewand. Gepaart mit der Heiterkeit kommt sie daher - wunderschön! So eingekleidet kann sie in diesen Zeiten sicher auch Wunder bewirken. (von Jörg Oesterreich)

Weitschauwelt

Schönheit ist eine realisierbare Projektion subjektiver Wunschvorstellungen. Die „Weitschauwelt“ ist eine, die zuvor Umrissenes in sich trägt. (von Günter Guben)

Wirklichkeit

Ist mein schönes Wort, obwohl es scheinbar das Gegenteil von Poesie darstellt. Doch es ist viel reicher als „Realität“. In „Wirklichkeit“ steckt „Wirksamkeit“ als schöpferisches Prinzip und Versprechen. Es beschreibt die Welt als etwas Gewirktes, das aus dem Mit- und Gegeneinander von Kräften entsteht und gleichzeitig auf den Betrachter wirkt bzw. eine Wirkung hat. Insofern besitzt „Wirklichkeit“ eine ästhetische Komponente – anders als die nüchterne Realität, die sich aus „Fakten“ zusammensetzt und nicht aus „Tatsachen“, was auch ein schönes deutsches Wort ist und mindestens ebenso dem Schöpferischen verbunden. Daher ist es auch nur logisch – schöner: „folgerichtig“ –, dass man in der Psychologie z. B. nicht von dem Prinzip der Wirklichkeit, sondern vom „Realitätsprinzip“ spricht, wenn man das Gegenteil von Poesie, Traum und Lust meint. Denn „Wirklichkeit“ umfasst die Gesamtheit all dessen, was wirkt und Wirkung hat. (von John von Düffel)

 

Wolkenpass

Wohin führt der steile Pass - das Ziel ist (noch) unsichtbar? Die Wolken zeigen sich zart, weich, hell, düster, dicht, locker...., manche bilden Formen, die man interpretieren kann. Dieser Pass existiert in Vietnam. (von Corinna Jäger-Löhnert)

Yoda

Mir gefällt das Wort, weil Yoda eine tolle Figur von Star Wars ist, er ein Laserschwert hat und es einen Song zu ihm gibt, den Yodasong. (Zoë Gülich, 3. Klasse)

Zauberantlitz

Mein Wort beschreibt die Schönheit eines Gesichts. Es beginnt und endet mit dem Buchstaben Z - dies stellt die Markantheit des Ausdrucks heraus. Ein bezaubernd schönes Gesicht. (von Christine Lemke-Amenuvor)

​​​​​​​zauberschön 

Ist für mich ein besonderer Moment oder ein Anblick. Er kommt unerwartet, löst tiefe Glücksgefühle aus, ist einzigartig, selten und flüchtig. (von Susanne von Borstel)

zauberisch

Für mich spiegelt es als prädikat eine schöne Vielfalt, die verzaubert, zudem versteckt es im Dialekt verbrämt ein anderes Prädikat herzig oder "herzisch" und birgt und verbirgt in sich einen schönen Schein ... (von Mascha Riepl-Schmidt)

Zilpzalp

Sei es die Zaubernuss, der gewöhnliche Goldregen, der Kohlweißling, der Siebenschläfer oder der Neuntöter: Die Benennung von Flora und Fauna ist eine so poetische wie herrliche Sache! Vor allem Vogelnamen haben es mir angetan. Manche Bezeichnungen versuchen sich in der omnopoetischen Nachahmung des Vogelgesangs. Aber: Wie beschreibt man den Klang solch eines Vogellautes in der menschlichen Sprache und mit menschlicher Stimme? Der Buchfink macht angeblich: "Bin ich nicht ein schöner Bräutigam?" Das konnte ich wirklich nie heraushören. Aber der wunderbare Zilpzalp macht auf jeden Fall "Zilpzalp". (von Carolin Callies)

Zuhause

Das Zuhause ist für mich schon immer ein Zufluchts- oder Rückzugsort. Beruflich viel unterwegs, freue ich mich auf das ruhige, schön eingerichtete Zuhause mit viel Platz. In Zeiten des Zuhause-Bleibens wird es einmal mehr aufgewertet. Ich verbringe mehr Zeit auf dem Sofa und blicke ins Bunte und Grüne, mehr Zeit auf dem Balkon zum Gärtnern oder Sonnenbaden, viel Zeit auf der Yogamatte mit Blick zum bunten Bücherregal, viel Zeit in der Küche mit den geliebten Utensilien. Der Blick bleibt hängen, weil die Zeit dafür da ist. Der Begriff wird neuerdings zigfach angereichert mit unendlich vielen Empfindungen. Ob zu Hause oder zuhause, selbst die akustische Wahrnehmung des Wortes schmeichelt wohlig in den Ohren. Ich komme nicht nur gern nach Hause, ich bin gern zuhause und höre/lese gern dieses Wort, es gibt mir Schutz und Halt in dieser Zeit. (von Lisa Barry)

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