Übungen im Fremdsein

Lesung und Gespräch Olga Tokarczuk
Literaturhaus Stuttgart 2.12.2022 / 19:30 Uhr
Olga Tokarczuk: „Ich habe ein Stück Kristall mitgebracht, aus Kalkgestein. Kristalle sind ein merkwürdiges Gemisch aus anorganischer Materie mit einer dichten, sehr spezifischen Struktur. In diesem kleinen Stück Materie finden wir eine bestimmte Ordnung, die den Naturgesetzen folgt. Vielleicht erinnern Sie sich noch an ein Experiment aus dem Chemieunterricht: Die Lehrerin bat uns, in einem Glas eine sehr dichte Kochsalzlösung herzustellen, abends einen Faden darin zu hängen und das über Nacht stehen zu lassen. In der Früh sah man, wie das Salz kristallisierte: Der Faden diente als Träger, um die im Wasser aufgelösten Salzkristalle zu bündeln. Dieses Bild dient mir als die Metapher des Schreibprozesses: Wir leben in einer Welt, die voller Erfahrungen, Informationen und chaotischer Elemente ist, und wir versuchen, in diesen unklaren, aufgelösten Strukturen eine Ordnung zu finden. Literatur fungiert wie der Faden, dem verschiedene Inhalte, Bedeutungen und Vorstellungen anhaften - und dadurch eine anschauliche Form erhalten. Und so entstehen derart wunderliche und schöne Gebilde wie dieser Kristall.“
Olga Mannheimer: „Dieser Kristall steht in Verbindung mit dem Roman „Die Jakobsbücher“, der um die historische Figur Jakob Frank aufgebaut ist. Ebenso wichtig wie der Titelheld in diesem beziehungs- und figurenreichen Werk ist Jakobs Großmutter namens Jenta.“
Olga Tokarczuk: „Am Anfang war das eine Randfigur, bis ich eines Tages festgestellt habe, dass ich Schwierigkeiten haben, einen Stoff zu bewältigen, der sich mit einigen Dutzend Figuren über 50 Jahre erstreckt. Als ich ein Drittel des Buches fertig gestellt hatte, wurde mir klar, dass ich es nicht schaffe, die Geschichte aus der Perspektive eines Erzählers zu schildern, dass ich einen anderen Standpunkt brauche, quasi eine panoptische Sicht – eine Perspektive, die das gesamte Geschehen überblickt und die es zugleich erlaubt, ganz nah an die Figuren heranzutreten. Jenta, die Großmutter von Jakob, verfügt über diese Perspektive. Das besondere dieser Figur ist, dass sie nicht sterben kann. In Folge eines kabbalistischen Zaubers ist sie auf der Schwelle zwischen Leben und Tod gefangen. Es geschah am Vortag einer großen Hochzeit: Jenta ist sehr alt, von der Reise ermüdet, es besteht die Gefahr, die sehr aufwändig vorbereitete Hochzeit absagen zu müssen, wenn sie stirbt. Wie im Golem-Mythos bittet die Familie einen Rabbiner, ihren Tod mit Hilfe eines Amuletts hinauszuzögern. Deshalb steckt er Jenta einen Zettel in den Mund, auf dem das hebräische Wort „warte“ steht. Und Jenta schluckt diesen Zettel. Fortan schwebt sie zwischen Leben und Tod und sieht die Dinge aus einer anderen Dimension. Die Familie weiß nicht, was sie mit dieser Greisin tun soll, und bringt sie schließlich in eine Höhle, eine Art Ruhestätte. Diese Höhle gibt es wirklich in der Nähe von Jakob Franks galizischen Geburtsort namens Korolówka – seinerzeit lag es in Polen, heute in der Ukraine – und sie gehört zu den größten kalkgesteinigen Höhlen der Welt.  Während der nationalsozialistischen Besatzung haben in dieser Höhle viele Juden überlebt. Davon ist im letzten Unterkapitel der ‘Jakobsbücher‘ die Rede.“ 
Auszug aus „Die Jakobsbücher“: „Dort, von wo Jenta schaut, gibt es keine Kalenderdaten, somit nichts zu feiern, nichts, was man sich zu Herzen nehmen müsste. Das einzige Zeichen verstreichender Zeit sind die huschenden Schatten, undeutlich, in Umrissen nur, vereinfacht zu einer Handvoll Eigenschaften, nicht zu halten, nicht zu fassen, unfähig, sich zu äußern. Dafür geduldig. Das sind die Verstorbenen. Jenta hat angefangen, sie zu zählen. Auch wenn die Menschen ihre Anwesenheit nicht mehr spüren und kein Zeichen mehr von ihnen die hiesige Welt erreicht, durchleben sie noch immer ihr Fegefeuer der Erinnerung. Jenseits aller menschlichen Dienstgeschäfte steht ihnen kein eigener Ort mehr zu, nichts mehr, woran sie sich knüpfen könnten. Um die Lebenden kümmern sich selbst die Knauser, für die Verstorbenen aber sorgen nicht einmal die Freigebigsten. Jenta bringt ihnen eine Art Zärtlichkeit entgegen, wenn sie an ihr, die an der Grenze verharren muss, vorüberstreifen gleich einer milden Brise. Für einen Augenblick tritt sie in Verbindung mit ihnen, schenkt ihnen ein Quäntchen Zuwendung – den Gestalten, denen sie in ihrem Leben begegnet ist und die der Tod nun in den Hintergrund verbannt hat. Wie die Veteranen in Tschenstochau sind die Schatten. Vergessen vom König, vergessen vom Heer, betteln sie um ein Almosen Aufmerksamkeit.
Wenn Jenta sich je zu einer Religion bekannte, so ist, nach all den Gedankengebäuden, die ihre Vorfahren errichteten und an denen ihre Zeitgenossen weiterhin werkeln und zimmern, die Religion der Verstorbenen ihr jetziger Glaube. All die von Sehnsucht getragenen, unvollkommenen, all die gescheiterten Versuche einer Verbesserung der Welt.
Zum Ende dieser Geschichte, da Jentas Körper bereits in reinen Kristall sich verwandelt hat, entdeckt sie eine gänzlich neue Fähigkeit: Sie ist nicht mehr nur eine Zeugin, die beobachtet, nicht allein ein Auge, wandernd durch Räume und Zeiten – sie vermag auch durch den menschlichen Körper zu strömen, durch Frauen und Männer und Kinder. Dann beschleunigt sich die Zeit, alles geschieht in der Spanne eines Wimpernschlags. Und einmal mehr wird deutlich, dass diese Körper wie Blätter sind, in denen das Licht einzig für eine Jahreszeit, für wenige Monate nur wohnt. Dann sinken sie trocken und tot zur Erde, die Dunkelheit zermahlt sie zu Staub. Jenta möchte es mit ihrem Blick erfassen, möchte sehen, wie das eine zum anderen wird – getrieben von der Unrast der Seelen, die ihrer nächsten Inkarnation entgegenstreben. Doch dies vermag selbst Jenta nicht zu erfassen. Frejna, die Schwester Pesseles, verlebte ein glückliches Alter in Korolówka. Hier wurde sie geboren, hier wurde sie bestattet, auf dem jüdischen Friedhof am Hang, der zum Fluss hin abfällt. Mit ihrer Schwester stand sie nicht mehr in Verbindung; so sehr war sie damit beschäftigt, zwölf Kinder großzuziehen, dass sie Pessele schließlich ganz vergaß. Im Übrigen bewahrte ihr Mann, einaufrechter Jude, die größte Verschwiegenheit über alles, was die häretische Verwandtschaft seiner Frau betraf. Ihre Nachfahren wohnten noch in Korolówka, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Die Erinnerung an die Höhle in Gestalt des Buchstabens Aleph und die geheimnisvolle Babcia war noch lebendig, vor allem unter den älteren Frauen, die mitunter Dinge im Gedächtnis behalten, die niemandem von Nutzen scheinen, helfen derlei Wunderlichkeiten doch weder, Brot zu backen, noch ein Haus zu bauen. Eine der Nachkommen Frejnas war es, die älteste Tochter – Czarna wurde sie gerufen –, die sich weigerte, nach Borszczów zu gehen, um sich dort, wie die Deutschen es befohlen hatten, registrieren zu lassen. Sie misstraute jedem Wort der Macht. Und als dann alle anderen Juden aus Korolówka mit ihren Bündeln nach Borszczów auf den Weg sich machten, stahl sich eine kleine Gruppe, ein paar Habseligkeiten auf Handkarren gepackt, in den Wald.
Das war am 12. Oktober 1942. Fünf Familien, 38 Personen. Das jüngste Kind war fünf Monate, der älteste Mann 79 Jahre alt. Kurz vor Tagesanbruch verschwanden sie in der Höhle, von der Seite des Waldes her, dort, wo der Buchstabe Aleph seinen rechten Bogenstrich hat. Einige der Höhlenräume sind voller Kristalle, die aus den Wänden und von der Decke wachsen. Es heißt, sie seien geronnene Tropfen aus Licht, die aufgehört hätten zu leuchten, so tief in der Erde. Doch trifft sie der Schein einer Kerze, strahlen sie auf, zeigen ihr ewiges, schweigendes Inneres. In einer der Grotten liegt noch immer Jenta. Die Feuchtigkeit überzieht ihre Haut, die nun gänzlich an den Knochen anliegt, selbst kristallene Strukturen angenommen hat, glitzernd, irisierend. In den ganzen Körper wächst der Glanz hinein, lässt ihn fast durchsichtig werden. Und immer weiter schreitet die Verwandlung voran. In einigen Millionen Jahren ist Jenta ein Diamant. Die längliche rosenfarbene Kristallform, mit dem Fels verwachsen und funkelnd im Schein der sparsam genutzten Öllämpchen, hat ein schlieriges Inneres. Die Kinder, vertraut mit der Höhle, die sie schon erkundet haben, behaupten, dass das rosenfarbene Gebilde lebendig sei, und wenn es gelänge, sein Inneres genauer auszuleuchten, könne man ein menschliches Gesicht erkennen. Die Erwachsenen schenken solchen Geschichten natürlich keinen Glauben; zumal die eineinhalb Jahre, die sie nun schon in der Dunkelheit verbringen, dem Augenlicht der Kinder sehr geschadet haben. Die Erwachsenen verlassen von Zeit zu Zeit die Höhle, um Lebensmittel zu besorgen, doch bleiben sie in einem eng begrenzten Gebiet, suchen nur die Dörfer der nächsten Umgebung auf. Den Bauern sind sie wie Geister, denen sie, scheinbar zufällig, Säcke mit Mehl und Kohl hinter den Scheunen lassen. Im April 1944 wirft jemand eine Flasche mit einem Zettel durch einen Spalt in der Erde, der in die Höhle führt. In ungelenker Handschrift steht es zu lesen: »Die Deutschen sind weg.« Geblendet kommen sie heraus, schützen die Augen vor dem gleißenden Licht. Alle, die sich in der Höhle versteckt gehalten haben, überleben; die meisten von ihnen wandern in den schlimmen Nachkriegsjahren nach Kanada aus, wo sie ihre Geschichte erzählen. So unfasslich erscheint sie, dass kaum jemand sie glauben will. 
Jenta sieht den weichen Waldboden, die kleinen Kügelchen der Heidelbeeren, die hellen Blättchen junger Eichen am Eingang der Höhle, sie sieht den Hügel, das Dorf, den Weg, über den die Fahrzeuge eilen. Sie sieht den Dnjestr blinken wie die Schneide eines Messers, sieht andere Flüsse mit ihrem Wasser, das zum Meer hinströmt. Und Jenta sieht die Meere, die so schwer zu tragen haben an den Schiffen, voll beladen mit jeglichen Waren, und die Leuchttürme sieht sie mit ihren Botschaften der blinkenden Fünkchen Licht. Einen Augenblick lang verharrt sie in der Bewegung. Hat jemand sie gerufen? Wer weiß denn noch ihren Namen? Da bemerkt sie eine Gestalt, dort unten auf der Erde, das Gesicht ist erhellt von einem leuchtenden Schein. Eine eigenwillige Frisur, ein wenig seltsam gekleidet, doch seit Langem schon kann Jenta sich über nichts mehr wundern. Diese Eigenschaft ist ihr abhandengekommen. Sie schaut nur, wie die Gestalt mit den Bewegungen ihrer Finger in dem hellen Fleck Buchstaben entstehen lässt, wie aus dem Nichts tauchen sie auf, fügen sich zu regelmäßigen Reihen. Jenta erinnert es an Spuren im Schnee, die Fähigkeit zu lesen haben die Verstorbenen verloren.Eine der betrüblichsten Folgen des Todes. So kann die arme Jenta ihren eigenen Namen nicht mehr erkennen in dem JENTA JENTA JENTA, das auf dem Bildschirm erscheint. Sie verliert das Interesse und entschwindet in der Höhe.“
Olga Tokarczuk: „Bücher sind mächtiger als ihre Autoren. Ich bin selbst eine Figur in dem Buch geworden, es hat mich in gewisser Weise eingeschlossen und ist über mich hinausgewachsen. Die Figur Jenta tritt über den Erzählrahmen des Romans hinaus, sie überblickt nicht nur das Geschehen, sondern sieht auch die Schriftstellerin, die das Buch schreibt und möglicherweise sogar die Leser. Nach der Veröffentlichung der „Jakobsbücher“ in Polen ist bei einer Lesung ein junges Paar aus Krakau an mich herangetreten, Ukrainer, die in der Gegend von Korolówka gewohnt haben, also da, wo Jakob Frank herkommt. Sie kannten mein Buch und habe darin diese Höhle erkannt. Sie sind dorthin gegangen, haben in der Höhle ein Stück von dem Kristall abgebrochen und es mir geschenkt. Möglicherweise ist das hier ein Stück von Jenta. Da wir von Erinnerungsstücken sprechen und als Zeichen der besonderen Beziehung, die mich mit dem Stuttgarter Literaturhaus verbindet, möchte ich Ihnen, Stefanie Stegmann, dieses für mich sehr wertvolle Souvenir schenken.“
Olga Mannheimer: „Ich habe vorher gesehen, wie Olga Tokarczuk das Kristall geteilt hat und Sie bekommen sogar das größere Stück von dem, was vielleicht Jenta ist! Meine Damen und Herren, indem dieses Kristallstück in die Souvenirreihe aufgenommen worden ist, können Sie in eine ungewöhnlich greifbare Verbindung zu dieser Romanfigur treten. Und sollten Sie je nach von Korolówka kommen, können Sie diese Höhle besuchen und vielleicht wird Jenta mit Ihnen durch die Welt wandern.“
Olga Tokarczuk: „Leider herrscht zurzeit Krieg in dieser Gegend. Ein Terrorstaat hat dort unmögliche Verhältnisse geschaffen, aber ich hoffe, dass wir eines Tages wieder dorthin fahren können, dass Friede einkehrt, dass wir alle, die wir hier sind, diese Höhle besuchen können und Jenta von Angesicht zu Angesicht anschauen. Ich danke Ihnen vielmals.“


 --Olga Tokarczuk
Olga Tokarczuk: „Ich habe ein Stück Kristall mitgebracht, aus Kalkgestein. Kristalle sind ein merkwürdiges Gemisch aus anorganischer Materie mit einer dichten, sehr spezifischen Struktur. In diesem kleinen Stück Materie finden wir eine bestimmte Ordnung, die den Naturgesetzen folgt. Vielleicht erinnern Sie sich noch an ein Experiment aus dem Chemieunterricht: Die Lehrerin bat uns, in einem Glas eine sehr dichte Kochsalzlösung herzustellen, abends einen Faden darin zu hängen und das über Nacht stehen zu lassen. In der Früh sah man, wie das Salz kristallisierte: Der Faden diente als Träger, um die im Wasser aufgelösten Salzkristalle zu bündeln. Dieses Bild dient mir als die Metapher des Schreibprozesses: Wir leben in einer Welt, die voller Erfahrungen, Informationen und chaotischer Elemente ist, und wir versuchen, in diesen unklaren, aufgelösten Strukturen eine Ordnung zu finden. Literatur fungiert wie der Faden, dem verschiedene Inhalte, Bedeutungen und Vorstellungen anhaften - und dadurch eine anschauliche Form erhalten. Und so entstehen derart wunderliche und schöne Gebilde wie dieser Kristall.“ Olga Mannheimer: „Dieser Kristall steht in Verbindung mit dem Roman „Die Jakobsbücher“, der um die historische Figur Jakob Frank aufgebaut ist. Ebenso wichtig wie der Titelheld in diesem beziehungs- und figurenreichen Werk ist Jakobs Großmutter namens Jenta.“ Olga Tokarczuk: „Am Anfang war das eine Randfigur, bis ich eines Tages festgestellt habe, dass ich Schwierigkeiten haben, einen Stoff zu bewältigen, der sich mit einigen Dutzend Figuren über 50 Jahre erstreckt. Als ich ein Drittel des Buches fertig gestellt hatte, wurde mir klar, dass ich es nicht schaffe, die Geschichte aus der Perspektive eines Erzählers zu schildern, dass ich einen anderen Standpunkt brauche, quasi eine panoptische Sicht – eine Perspektive, die das gesamte Geschehen überblickt und die es zugleich erlaubt, ganz nah an die Figuren heranzutreten. Jenta, die Großmutter von Jakob, verfügt über diese Perspektive. Das besondere dieser Figur ist, dass sie nicht sterben kann. In Folge eines kabbalistischen Zaubers ist sie auf der Schwelle zwischen Leben und Tod gefangen. Es geschah am Vortag einer großen Hochzeit: Jenta ist sehr alt, von der Reise ermüdet, es besteht die Gefahr, die sehr aufwändig vorbereitete Hochzeit absagen zu müssen, wenn sie stirbt. Wie im Golem-Mythos bittet die Familie einen Rabbiner, ihren Tod mit Hilfe eines Amuletts hinauszuzögern. Deshalb steckt er Jenta einen Zettel in den Mund, auf dem das hebräische Wort „warte“ steht. Und Jenta schluckt diesen Zettel. Fortan schwebt sie zwischen Leben und Tod und sieht die Dinge aus einer anderen Dimension. Die Familie weiß nicht, was sie mit dieser Greisin tun soll, und bringt sie schließlich in eine Höhle, eine Art Ruhestätte. Diese Höhle gibt es wirklich in der Nähe von Jakob Franks galizischen Geburtsort namens Korolówka – seinerzeit lag es in Polen, heute in der Ukraine – und sie gehört zu den größten kalkgesteinigen Höhlen der Welt. Während der nationalsozialistischen Besatzung haben in dieser Höhle viele Juden überlebt. Davon ist im letzten Unterkapitel der ‘Jakobsbücher‘ die Rede.“ Auszug aus „Die Jakobsbücher“: „Dort, von wo Jenta schaut, gibt es keine Kalenderdaten, somit nichts zu feiern, nichts, was man sich zu Herzen nehmen müsste. Das einzige Zeichen verstreichender Zeit sind die huschenden Schatten, undeutlich, in Umrissen nur, vereinfacht zu einer Handvoll Eigenschaften, nicht zu halten, nicht zu fassen, unfähig, sich zu äußern. Dafür geduldig. Das sind die Verstorbenen. Jenta hat angefangen, sie zu zählen. Auch wenn die Menschen ihre Anwesenheit nicht mehr spüren und kein Zeichen mehr von ihnen die hiesige Welt erreicht, durchleben sie noch immer ihr Fegefeuer der Erinnerung. Jenseits aller menschlichen Dienstgeschäfte steht ihnen kein eigener Ort mehr zu, nichts mehr, woran sie sich knüpfen könnten. Um die Lebenden kümmern sich selbst die Knauser, für die Verstorbenen aber sorgen nicht einmal die Freigebigsten. Jenta bringt ihnen eine Art Zärtlichkeit entgegen, wenn sie an ihr, die an der Grenze verharren muss, vorüberstreifen gleich einer milden Brise. Für einen Augenblick tritt sie in Verbindung mit ihnen, schenkt ihnen ein Quäntchen Zuwendung – den Gestalten, denen sie in ihrem Leben begegnet ist und die der Tod nun in den Hintergrund verbannt hat. Wie die Veteranen in Tschenstochau sind die Schatten. Vergessen vom König, vergessen vom Heer, betteln sie um ein Almosen Aufmerksamkeit. Wenn Jenta sich je zu einer Religion bekannte, so ist, nach all den Gedankengebäuden, die ihre Vorfahren errichteten und an denen ihre Zeitgenossen weiterhin werkeln und zimmern, die Religion der Verstorbenen ihr jetziger Glaube. All die von Sehnsucht getragenen, unvollkommenen, all die gescheiterten Versuche einer Verbesserung der Welt. Zum Ende dieser Geschichte, da Jentas Körper bereits in reinen Kristall sich verwandelt hat, entdeckt sie eine gänzlich neue Fähigkeit: Sie ist nicht mehr nur eine Zeugin, die beobachtet, nicht allein ein Auge, wandernd durch Räume und Zeiten – sie vermag auch durch den menschlichen Körper zu strömen, durch Frauen und Männer und Kinder. Dann beschleunigt sich die Zeit, alles geschieht in der Spanne eines Wimpernschlags. Und einmal mehr wird deutlich, dass diese Körper wie Blätter sind, in denen das Licht einzig für eine Jahreszeit, für wenige Monate nur wohnt. Dann sinken sie trocken und tot zur Erde, die Dunkelheit zermahlt sie zu Staub. Jenta möchte es mit ihrem Blick erfassen, möchte sehen, wie das eine zum anderen wird – getrieben von der Unrast der Seelen, die ihrer nächsten Inkarnation entgegenstreben. Doch dies vermag selbst Jenta nicht zu erfassen. Frejna, die Schwester Pesseles, verlebte ein glückliches Alter in Korolówka. Hier wurde sie geboren, hier wurde sie bestattet, auf dem jüdischen Friedhof am Hang, der zum Fluss hin abfällt. Mit ihrer Schwester stand sie nicht mehr in Verbindung; so sehr war sie damit beschäftigt, zwölf Kinder großzuziehen, dass sie Pessele schließlich ganz vergaß. Im Übrigen bewahrte ihr Mann, einaufrechter Jude, die größte Verschwiegenheit über alles, was die häretische Verwandtschaft seiner Frau betraf. Ihre Nachfahren wohnten noch in Korolówka, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Die Erinnerung an die Höhle in Gestalt des Buchstabens Aleph und die geheimnisvolle Babcia war noch lebendig, vor allem unter den älteren Frauen, die mitunter Dinge im Gedächtnis behalten, die niemandem von Nutzen scheinen, helfen derlei Wunderlichkeiten doch weder, Brot zu backen, noch ein Haus zu bauen. Eine der Nachkommen Frejnas war es, die älteste Tochter – Czarna wurde sie gerufen –, die sich weigerte, nach Borszczów zu gehen, um sich dort, wie die Deutschen es befohlen hatten, registrieren zu lassen. Sie misstraute jedem Wort der Macht. Und als dann alle anderen Juden aus Korolówka mit ihren Bündeln nach Borszczów auf den Weg sich machten, stahl sich eine kleine Gruppe, ein paar Habseligkeiten auf Handkarren gepackt, in den Wald. Das war am 12. Oktober 1942. Fünf Familien, 38 Personen. Das jüngste Kind war fünf Monate, der älteste Mann 79 Jahre alt. Kurz vor Tagesanbruch verschwanden sie in der Höhle, von der Seite des Waldes her, dort, wo der Buchstabe Aleph seinen rechten Bogenstrich hat. Einige der Höhlenräume sind voller Kristalle, die aus den Wänden und von der Decke wachsen. Es heißt, sie seien geronnene Tropfen aus Licht, die aufgehört hätten zu leuchten, so tief in der Erde. Doch trifft sie der Schein einer Kerze, strahlen sie auf, zeigen ihr ewiges, schweigendes Inneres. In einer der Grotten liegt noch immer Jenta. Die Feuchtigkeit überzieht ihre Haut, die nun gänzlich an den Knochen anliegt, selbst kristallene Strukturen angenommen hat, glitzernd, irisierend. In den ganzen Körper wächst der Glanz hinein, lässt ihn fast durchsichtig werden. Und immer weiter schreitet die Verwandlung voran. In einigen Millionen Jahren ist Jenta ein Diamant. Die längliche rosenfarbene Kristallform, mit dem Fels verwachsen und funkelnd im Schein der sparsam genutzten Öllämpchen, hat ein schlieriges Inneres. Die Kinder, vertraut mit der Höhle, die sie schon erkundet haben, behaupten, dass das rosenfarbene Gebilde lebendig sei, und wenn es gelänge, sein Inneres genauer auszuleuchten, könne man ein menschliches Gesicht erkennen. Die Erwachsenen schenken solchen Geschichten natürlich keinen Glauben; zumal die eineinhalb Jahre, die sie nun schon in der Dunkelheit verbringen, dem Augenlicht der Kinder sehr geschadet haben. Die Erwachsenen verlassen von Zeit zu Zeit die Höhle, um Lebensmittel zu besorgen, doch bleiben sie in einem eng begrenzten Gebiet, suchen nur die Dörfer der nächsten Umgebung auf. Den Bauern sind sie wie Geister, denen sie, scheinbar zufällig, Säcke mit Mehl und Kohl hinter den Scheunen lassen. Im April 1944 wirft jemand eine Flasche mit einem Zettel durch einen Spalt in der Erde, der in die Höhle führt. In ungelenker Handschrift steht es zu lesen: »Die Deutschen sind weg.« Geblendet kommen sie heraus, schützen die Augen vor dem gleißenden Licht. Alle, die sich in der Höhle versteckt gehalten haben, überleben; die meisten von ihnen wandern in den schlimmen Nachkriegsjahren nach Kanada aus, wo sie ihre Geschichte erzählen. So unfasslich erscheint sie, dass kaum jemand sie glauben will. Jenta sieht den weichen Waldboden, die kleinen Kügelchen der Heidelbeeren, die hellen Blättchen junger Eichen am Eingang der Höhle, sie sieht den Hügel, das Dorf, den Weg, über den die Fahrzeuge eilen. Sie sieht den Dnjestr blinken wie die Schneide eines Messers, sieht andere Flüsse mit ihrem Wasser, das zum Meer hinströmt. Und Jenta sieht die Meere, die so schwer zu tragen haben an den Schiffen, voll beladen mit jeglichen Waren, und die Leuchttürme sieht sie mit ihren Botschaften der blinkenden Fünkchen Licht. Einen Augenblick lang verharrt sie in der Bewegung. Hat jemand sie gerufen? Wer weiß denn noch ihren Namen? Da bemerkt sie eine Gestalt, dort unten auf der Erde, das Gesicht ist erhellt von einem leuchtenden Schein. Eine eigenwillige Frisur, ein wenig seltsam gekleidet, doch seit Langem schon kann Jenta sich über nichts mehr wundern. Diese Eigenschaft ist ihr abhandengekommen. Sie schaut nur, wie die Gestalt mit den Bewegungen ihrer Finger in dem hellen Fleck Buchstaben entstehen lässt, wie aus dem Nichts tauchen sie auf, fügen sich zu regelmäßigen Reihen. Jenta erinnert es an Spuren im Schnee, die Fähigkeit zu lesen haben die Verstorbenen verloren.Eine der betrüblichsten Folgen des Todes. So kann die arme Jenta ihren eigenen Namen nicht mehr erkennen in dem JENTA JENTA JENTA, das auf dem Bildschirm erscheint. Sie verliert das Interesse und entschwindet in der Höhe.“ Olga Tokarczuk: „Bücher sind mächtiger als ihre Autoren. Ich bin selbst eine Figur in dem Buch geworden, es hat mich in gewisser Weise eingeschlossen und ist über mich hinausgewachsen. Die Figur Jenta tritt über den Erzählrahmen des Romans hinaus, sie überblickt nicht nur das Geschehen, sondern sieht auch die Schriftstellerin, die das Buch schreibt und möglicherweise sogar die Leser. Nach der Veröffentlichung der „Jakobsbücher“ in Polen ist bei einer Lesung ein junges Paar aus Krakau an mich herangetreten, Ukrainer, die in der Gegend von Korolówka gewohnt haben, also da, wo Jakob Frank herkommt. Sie kannten mein Buch und habe darin diese Höhle erkannt. Sie sind dorthin gegangen, haben in der Höhle ein Stück von dem Kristall abgebrochen und es mir geschenkt. Möglicherweise ist das hier ein Stück von Jenta. Da wir von Erinnerungsstücken sprechen und als Zeichen der besonderen Beziehung, die mich mit dem Stuttgarter Literaturhaus verbindet, möchte ich Ihnen, Stefanie Stegmann, dieses für mich sehr wertvolle Souvenir schenken.“ Olga Mannheimer: „Ich habe vorher gesehen, wie Olga Tokarczuk das Kristall geteilt hat und Sie bekommen sogar das größere Stück von dem, was vielleicht Jenta ist! Meine Damen und Herren, indem dieses Kristallstück in die Souvenirreihe aufgenommen worden ist, können Sie in eine ungewöhnlich greifbare Verbindung zu dieser Romanfigur treten. Und sollten Sie je nach von Korolówka kommen, können Sie diese Höhle besuchen und vielleicht wird Jenta mit Ihnen durch die Welt wandern.“ Olga Tokarczuk: „Leider herrscht zurzeit Krieg in dieser Gegend. Ein Terrorstaat hat dort unmögliche Verhältnisse geschaffen, aber ich hoffe, dass wir eines Tages wieder dorthin fahren können, dass Friede einkehrt, dass wir alle, die wir hier sind, diese Höhle besuchen können und Jenta von Angesicht zu Angesicht anschauen. Ich danke Ihnen vielmals.“
Olga Tokarczuk
2019 war sie kurz nach Bekanntgabe des ihr zuerkannnten Literaturnobelpreises mit ihrem Roman „Die Jakobsbücher“ zu Gast im Literaturhaus Stuttgart, nun kommt sie erneut zu uns und gibt einen exklusiven Einblick in ihren neuen Roman, der im Frühjahr 2023 voraussichtlich unter dem Titel „Empusion“ auf Deutsch erscheinen wird. Darüber hinaus kommt sie mit Olga Mannheimer ins Gespräch über ihren Essayband „Übungen im Fremdsein“, der uns in ihr schriftstellerisches Laboratorium führt, ins Deutsche übersetzt von Bernhard Hartmann, Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Und nicht zuletzt hat sie für den Abend in Stuttgart ein Souvenir im Gepäck, das in ihr Schreiben, ihre Poetik, ihr Werk einführt und dem Publikum zugleich literarisch-geografische Räume öffnet. Im „Souvenir“, so der Titel der neuen Veranstaltungsreihe, steckt die Assoziation an Mitbringsel aus dem Urlaub, die hier übertragen werden auf die in Deutschland vielfach nur oberflächliche Kenntnis der Gesellschaften Mittel- und Osteuropas. Zugleich trägt es darüber hinaus das Moment aktiven Erinnerns in sich.

Weitere Info

Olga Mannheimer (Moderation)
Johannes Wördemann (Deutsche Lesung)

Veranstalter: Literaturhaus Stuttgart

Copyright Foto Souvenir: Ekaterina Zershchikova