Hunde im Weltall

Konzert, Lesung und Gespräch Serhij Zhadan, Hunde im Weltall, Claudia Dathe
Literaturhaus Stuttgart 10.10.2022 / 19:30 Uhr
Ich habe drei Geschichten mitgebracht; man könnte zwar Hunderte Geschichten mit Gegenständen verbinden und erzählen, aber nicht alles kann man derzeit über die Grenze mitnehmen. Mit diesem Ding hier entsichert man eine Granate. Sascha, ein Freund von mir aus Charkiw, ging 2014 an die Front. Er hat sich vor 2014 nie so recht für Politik interessiert, hat russisch gesprochen, aber als dann die Russen 2014 im Donbas standen, hat er sich auf den Weg gemacht und sich als Freiwilliger gemeldet. Im Sommer 2014 ist er drei Monate in russische Gefangenschaft geraten, und dann haben wir uns kennengelernt; er kam auf unsere Lesungen und Konzerte, und wir haben uns angefreundet. Und als dann die neue Phase des Krieges begonnen hat, ist er gleich am dritten Tag wieder losgezogen und kämpft jetzt im Donbas. Und wir helfen seiner Einheit; es ist eine Aufklärungseinheit und sie befindet sich an einem der Brennpunkte und braucht Hilfe. Und das ist eine Geschichte darüber, dass der Krieg eben nicht am 24.2.22 begonnen hat, sondern dass er nur zurückgekommen ist – eine Geschichte über viele freiwillige Frauen und Männer, die für eine gewisse Zeit nach Hause gekommen und jetzt wieder an der Front sind.
 --Serhij Zhadan
Ich habe drei Geschichten mitgebracht; man könnte zwar Hunderte Geschichten mit Gegenständen verbinden und erzählen, aber nicht alles kann man derzeit über die Grenze mitnehmen. Mit diesem Ding hier entsichert man eine Granate. Sascha, ein Freund von mir aus Charkiw, ging 2014 an die Front. Er hat sich vor 2014 nie so recht für Politik interessiert, hat russisch gesprochen, aber als dann die Russen 2014 im Donbas standen, hat er sich auf den Weg gemacht und sich als Freiwilliger gemeldet. Im Sommer 2014 ist er drei Monate in russische Gefangenschaft geraten, und dann haben wir uns kennengelernt; er kam auf unsere Lesungen und Konzerte, und wir haben uns angefreundet. Und als dann die neue Phase des Krieges begonnen hat, ist er gleich am dritten Tag wieder losgezogen und kämpft jetzt im Donbas. Und wir helfen seiner Einheit; es ist eine Aufklärungseinheit und sie befindet sich an einem der Brennpunkte und braucht Hilfe. Und das ist eine Geschichte darüber, dass der Krieg eben nicht am 24.2.22 begonnen hat, sondern dass er nur zurückgekommen ist – eine Geschichte über viele freiwillige Frauen und Männer, die für eine gewisse Zeit nach Hause gekommen und jetzt wieder an der Front sind.
Serhij Zhadan
Auch diese Geschichte ist sehr persönlich, da geht es auch wieder um die Stadt und die Menschen, die dort leben. Es ist der Aufnäher der Einheit, die wir gegründet haben, Chartia heißt sie. Diese Geschichte ist ebenfalls mit einem Freund verbunden, ein ziemlich wohlhabender Freund, der schon vor dem Krieg viel Geld für die Stadt und für die Region gegeben hat. Und als der Krieg begonnen hat, hat er vorgeschlagen, eine Einheit zu gründen. Er hat zunächst Menschen angesprochen, die in seiner Firma tätig waren. Und dann hat er auch Offiziere angesprochen, die in der Lage waren, die Freiwilligen zu schulen. Und mich hat er gebeten, der Einheit einen Namen zu geben. Und ich bin dann auf „Chartia“ gekommen, also der erste Teil aus „Charkiw“, aber ich wollte zugleich auch, dass das Wort „Kunst“ anklingt. Das Bataillon hat mittlerweile schon mehrere hundert Kämpfer, wir sind sehr stolz auf die jungen Frauen und Männer, die da kämpfen und die wir als Freiwillige unterstützen. Die letzte Tour der Band „Sobaky“ diente ebenfalls der Unterstützung dieser Einheit. Die Männer und Frauen, die da kämpfen, sind alles Charkiwer. Die Einheit könnte man übersetzen mit „freiwillige Formation der territorialen Gemeinschaft“, also eine militärische zivilgesellschaftliche Vereinigung, die die Stadt verteidigt. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Einheit übernimmt Verantwortung für die Stadt, und das ist etwas, das die Russen nicht verstehen, sich nicht vorstellen können. Sie glauben alles Mögliche, dass die Nato gegen sie kämpft, die glauben an mythologisierte Nazis, aber dass es wirklich Bewohnerinnen und Bewohner großer östlicher Städte sind, Charkiw, Poltawa und andere, das können sie sich eben überhaupt nicht vorstellen. --Serhij Zhadan
Auch diese Geschichte ist sehr persönlich, da geht es auch wieder um die Stadt und die Menschen, die dort leben. Es ist der Aufnäher der Einheit, die wir gegründet haben, Chartia heißt sie. Diese Geschichte ist ebenfalls mit einem Freund verbunden, ein ziemlich wohlhabender Freund, der schon vor dem Krieg viel Geld für die Stadt und für die Region gegeben hat. Und als der Krieg begonnen hat, hat er vorgeschlagen, eine Einheit zu gründen. Er hat zunächst Menschen angesprochen, die in seiner Firma tätig waren. Und dann hat er auch Offiziere angesprochen, die in der Lage waren, die Freiwilligen zu schulen. Und mich hat er gebeten, der Einheit einen Namen zu geben. Und ich bin dann auf „Chartia“ gekommen, also der erste Teil aus „Charkiw“, aber ich wollte zugleich auch, dass das Wort „Kunst“ anklingt. Das Bataillon hat mittlerweile schon mehrere hundert Kämpfer, wir sind sehr stolz auf die jungen Frauen und Männer, die da kämpfen und die wir als Freiwillige unterstützen. Die letzte Tour der Band „Sobaky“ diente ebenfalls der Unterstützung dieser Einheit. Die Männer und Frauen, die da kämpfen, sind alles Charkiwer. Die Einheit könnte man übersetzen mit „freiwillige Formation der territorialen Gemeinschaft“, also eine militärische zivilgesellschaftliche Vereinigung, die die Stadt verteidigt. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Einheit übernimmt Verantwortung für die Stadt, und das ist etwas, das die Russen nicht verstehen, sich nicht vorstellen können. Sie glauben alles Mögliche, dass die Nato gegen sie kämpft, die glauben an mythologisierte Nazis, aber dass es wirklich Bewohnerinnen und Bewohner großer östlicher Städte sind, Charkiw, Poltawa und andere, das können sie sich eben überhaupt nicht vorstellen.
Serhij Zhadan
Das ist ein T-Shirt, das ich geschenkt bekommen habe von der 92. Brigade, das ist unsere Charkiwer Brigade, die auch seit 2014 im Einsatz sind. Als die Russen am 24.2. ins Gebiet Charkiw eingedrungen sind, da hat diese gesamte Verteidigungslinie vor der Stadt die 92. Brigade gehalten. Vielleicht wussten die Russen nicht, dass es diese Brigade gibt, aber das war ein fataler Fehler, denn die 92. Brigade hat in den ersten Tagen so viel russische Technik vernichtet, dass die Armee gar nicht auf Charkiw vorrücken konnte, und damit haben die Russen natürlich nicht gerechnet. Die regionale Zugehörigkeit und Identität ist kennzeichnend für viele dieser Brigaden, und man könnte diese regionale Zugehörigkeit auch als historisches Echo deuten, ein Echo der Kosakeneinheiten, die ebenfalls um bestimmte Gebiete herum entstanden sind. Durch diese lokale Zugehörigkeit entsteht natürlich eine wichtige Verbindung, wir wissen: die 92., das sind die Charkiwer!
 --Serhij Zhadan
Das ist ein T-Shirt, das ich geschenkt bekommen habe von der 92. Brigade, das ist unsere Charkiwer Brigade, die auch seit 2014 im Einsatz sind. Als die Russen am 24.2. ins Gebiet Charkiw eingedrungen sind, da hat diese gesamte Verteidigungslinie vor der Stadt die 92. Brigade gehalten. Vielleicht wussten die Russen nicht, dass es diese Brigade gibt, aber das war ein fataler Fehler, denn die 92. Brigade hat in den ersten Tagen so viel russische Technik vernichtet, dass die Armee gar nicht auf Charkiw vorrücken konnte, und damit haben die Russen natürlich nicht gerechnet. Die regionale Zugehörigkeit und Identität ist kennzeichnend für viele dieser Brigaden, und man könnte diese regionale Zugehörigkeit auch als historisches Echo deuten, ein Echo der Kosakeneinheiten, die ebenfalls um bestimmte Gebiete herum entstanden sind. Durch diese lokale Zugehörigkeit entsteht natürlich eine wichtige Verbindung, wir wissen: die 92., das sind die Charkiwer!
Serhij Zhadan
Serhij Zhadan: Lyriker, Schriftsteller, Musiker – und diesjähriger Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels! Für einige wenige Termine verlässt er die Ukraine und macht zusammen mit seiner Band Hunde im Weltall Station im Literaturhaus Stuttgart. Er lebt in Charkiw, Ostukraine, und verarbeitet bereits seit 2014 die kriegerischen Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine in seinen Romanen und Gedichten. Nach Ausbruch des Krieges im Frühjahr dieses Jahres hat er sich der ukrainischen Territorialverteidigung angeschlossen. Er gehört zu den wichtigsten lyrischen und erzählerischen Stimmen der Ukraine; 2020 erschien sein Lyrikband "Antenne", zuvor sein Roman "Internat". Vor dem Konzert kommt er zum Auftakt der neuen Veranstaltungsreihe "Souvenir" ins Gespräch mit seiner Übersetzerin Claudia Dathe, die im November mit dem Wilhelm-Merton-Preis für Europäische Übersetzungen ausgezeichnet wird. Kennzeichen der Reihe ist ein jeweils vom Autor mitgebrachtes Andenken, ein Souvenir. Serhij Zhadans Souvenir führt uns in sein Schreiben und in seine Musik und öffnet zugleich literarisch geografische Räume, die für seine künstlerische Arbeit elementar wichtig sind. Die Reihe Souvenir ist ein Projekt des Literaturhaus Stuttgart in Kooperation mit dem Netzwerk der Literaturhäuser, der Bundeszentrale für politische Bildung und mit freundlicher Unterstützung der Ernst Klett AG.

Weitere Info

Katja Stetsevych (Moderation)

Veranstalter: Literaturhaus Stuttgart

Copyright Foto Souvenir: Ekaterina Zershchikova