Kister liest. Einwürfe aus dem literarischen Alltag.

Vom Preis der Kunst - Ausgabe 1

Liebe Leser:innen,

wie anfangen? Immer wenn ich mir diese Frage stelle, schaue ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers. Normalerweise tut sich da nicht viel, es sei denn, das junge Nachbarsmädchen hat in seinem Garten wieder Matten ausgerollt, um sich auf eine mir immer wahrscheinlicher scheinende Karriere als Kunstturnerin vorzubereiten. Während ich müßig nach Worten ringe, wirbelt sie in bewundernswerter Beharrlichkeit durch die Luft. Es fing mit einfachem Radschlagen an, nun ist sie bei Figuren angelangt, die mir allein vom Zuschauen eine Art voyeuristisches Schleudertrauma bescheren. Manchmal rufe ich ein Bravo hinüber. 

Doch seit ich Son Lewandowskis »Routinen« gelesen habe, mischt sich in die Bewunderung eines ungelenken Beobachters ein leicht alarmiertes Gefühl. Denn der Roman erzählt, was passieren kann, wenn auf diesem Gebiet Träume wahr werden, und welche niederschmetternden Gewalten auf die gedrillten Leiber einwirken, bis sie in der Lage sind, die Gesetze der Schwerkraft in körperlichen Koloraturen zu überwinden: physisch, psychisch und politisch. Es gab Zeiten, in denen auserwählte Knaben kastriert wurden, damit sie schön singen, ganz Europa lag ihnen zu Füßen. Glücklicherweise hat man sich von dieser Praxis verabschiedet. Aber ist so verschieden, was in sogenannten Leistungszentren getrieben wird, damit die ihnen Anvertrauten schön springen? 

Das Literaturhaus begeht sein 25-Jahres-Jubiläum im Zeichen des Schwebens – am 13. Juli führt der Weg über Schwebebalken und Stufenbarren, wenn Son Lewandowski und die frühere Stuttgarter Kunstturnerin und mehrfache Olympiateilnehmerin Kim Bui über den darunterliegenden Abgrund diskutieren. Zur Einstimmung darauf, was der Leistungssport über die Gesellschaft verrät, die sich von ihm faszinieren lässt, können Sie hier schon einmal meine Besprechung des Romans lesen

So gesehen ist mein Schwindel vor der leeren Seite eher harmloserer Natur. Kein Vergleich mit dem Preis, den der Schriftsteller Christoph Peters für sein Schreiben entrichtet hat. Im Ringen um die richtigen Worte hat er nicht nur aus dem Fenster geschaut, sondern immer tiefer in sein Glas, bis er sich irgendwann eingestehen musste: »Ich bin Alkoholiker. Ich muss einen Entzug machen.« Davon handelt der gleichnamige Roman, den er am 20. Juli im Literaturhaus vorstellt. Ähnlich wie Son Lewandowski zeichnet auch Christoph Peters nicht nur das Psychogramm einer zerstörerischen Verausgabung, sondern auch ein Bild der Wirklichkeit, auf die sie reagiert. 

Ich habe Christoph Peters als passionierten Teetrinker kennengelernt. Wie sein Roman aber die existenzielle Angst vor dem Verlust der Schaffenskraft durch den Entzug stimulierender Substanzen mit ihrer sprachlich eindrücklichen Beschreibung widerlegt, würde man im Turnen als doppelten Schraubensalto bezeichnen. Es zeigt sich darin ein Autor auf der Höhe seiner Kunst, der die Geschichte einer persönlichen Katastrophe in Literatur von allgemeiner Gültigkeit verwandelt. Auf die gleiche Weise kann man den Büchner-Preis für Christine Wunnicke bejubeln. Hier meine Besprechung ihres letzten Romans. Bravo. 

Ihr Stefan Kister

Ihnen gefällt unser Newsletter? Dann möchten Sie ihn vielleicht Ihren Freunden, Kolleginnen und Familie weiter empfehlen? Hier können diese sich anmelden: Newsletter »Kister liest«.

Unser Monatsprogramm erhalten Sie regelmäßig mit unserem kostenlosen Newsletter »Programm«.

Eintrittskarten online auf www.literaturhaus-stuttgart.de, an reservix-Vorverkaufsstellen, reservix-Fon (0761) 888 499 99 sowie in der Buchhandlung & Büchergilde im Literaturhaus

Buchhandlung & Büchergilde im Literaturhaus Öffnungszeiten: Mo 12-19 Uhr, Di-Fr 12-20 Uhr, Sa 10-15 Uhr

Kontakt Literaturhaus Stuttgart
Breitscheidstraße 4
70174 Stuttgart
Fon (0711) 22 02 17 - 3
info@literaturhaus-stuttgart.de
www.literaturhaus-stuttgart.de

Wir weisen darauf hin, dass Sie Ihre Einwilligung zum Bezug des Newsletters jederzeit widerrufen können. Zu diesem Zweck senden Sie uns bitte eine E-Mail an info@literaturhaus-stuttgart.de oder betätigen Sie den nachfolgenden Link. Im Falle des Widerrufs Ihrer Einwilligung fallen keine anderen als die Übermittlungskosten nach den Basistarifen an. Mit folgendem Link können Sie sich von unserem Newsletter abmelden: Kister liest abbestellen

Vollständiges Impressum
Datenschutzerklärung