Kometenkalender

Samstag, 12.12.20

Das Kind

Marina Frenk

Die Präsenz des eigenen Kindes hat etwas erschütternd Klares an sich. Ob alle Mütter das so empfinden? 

Klar ist, dass du Ähnlichkeit mit mir hast und dann wieder nicht. Ich kann noch so sehr die Form deiner Augen oder die runden schmollenden Lippen betrachten, im Detail bist du ein von mir unabhängiger Mensch mit eigenen Gedanken und einem ganz eigenen Willen. Du gehörst mir nicht. Das Kind hat seine eigene Zeit. Zeit ist kein Besitz.

Nichts von dem, was ich mir vor deiner Geburt unter dir vorgestellt habe, hat sich erfüllt. Du bist jemand völlig anderes geworden. Ich kann nicht in deine Gedanken hineinschauen, um die Vorgänge in deinem Kopf zu erforschen und kennen zu lernen. Du begreifst jeden Tag etwas Neues in Momenten, in denen ich es gar nicht bemerke, weil ich gerade abwasche oder so etwas, während du mich von außen betrachtest.

Ich hoffe, dass du nicht zu viel von dem übernimmst, was du da siehst. Jeder Mensch wird aus purer Gewohnheit ein bisschen zu seinen eigenen Eltern. Am liebsten wäre ich neutral, damit du die größtmögliche Freiheit hast das zu sein, was du bist, das zu denken, was du willst. Aber ich bin es nicht, und sogar noch etwas mehr als das: ich bin dir gegenüber nicht gleichgültig. Dabei ist Gleichgültigkeit eine meiner größten Schwächen. 

Das Kind ist den Versuchen keine Fehler zu machen, was das Kind anbelangt, hilflos ausgeliefert. Die Mutter kann nur alles falsch machen. Das liegt an der unerträglichen Liebe. Liebe ist auch kein Besitz. Die Mutter hasst sich dafür und das Kind darf das auch, wenn es will, irgendwann. 

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