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Ingo Schulze

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Minutennovellen


In der Schulzeit war ich in Ina verliebt, Ina aber liebte Ingrid, was ich sehr lange nicht kapierte. Ingrid war dürr wie eine Gräte und geizig, liebte aber außer der schönen Ina die schöne Literatur. So oft ich in Bremen lese, sitzt Ingrid in der ersten Reihe. Beim letzten Treffen, wie immer hatte ich ihnen vorher mein neues Buch geschickt, beschwerte sie sich über Ina: sie sei eifersüchtig und spioniere ihr hinter her. „Hat sie denn Grund?“ Ingrid schüttelte den Kopf. „Schau sie Dir doch an!“ Sie nickte in Richtung Tür. Da stand Ina, schöner denn je, und beobachtete uns.
Wochen später fand ich ein Kuvert in meinem Briefkasten, auf dem ich meine Handschrift erkannte. Es enthielt einen Hotelschlüssel an einem Anhänger mit eingravierter 214. „Unzureichende Frankierung!“, verkündete ein Aufkleber. Es war das Kuvert, in dem ich ihnen mein Buch geschickt hatte. Nur die Adresse war durchgestrichen, darüber stand in roten Druckbuchstaben die Anschrift des Hotels „Zum Bären“ in Bremen.
Was aber sollte ich jetzt noch mit diesem Beweisstück?

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, lebt er heute in Berlin. Schon »33 Augenblicke des Glücks« (1995) und »Simple Storys« (1998) wurden spektakuläre Erfolge, es folgten zahlreiche weitere Bücher, zuletzt erschien sein Roman »Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst« (2017). In seinem neuen Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ (2020) erzählt er von unserem Land in diesen Tagen.


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